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Kult der Korrektheit : Vergiftetes Klima an britischen Universitäten

Die Universität Oxford Bild: Getty

Eine neue Studie heizt die Diskussion um die Meinungsfreiheit an britischen Universitäten an. Ihr zufolge greifen konservative Hochschullehrer vermehrt zur Selbstzensur, um stigmatisierenden Angriffen vorzubeugen.

          3 Min.

          Der einst so liberale Geist, der britische Hochschulen auszeichnete, scheint sich zu verflüchtigen. Eine neue Umfrage unter Professoren und Dozenten hat die Diskussion über eine „Cancel Culture“ unter Akademikern angeheizt. Es gebe Diskriminierung und Einschüchterung, dies könne zu Selbstzensur führen und damit die Wissenschaftsfreiheit zerstören, so das Fazit der Studie „Academic freedom in the UK“ der Politikwissenschaftler Remi Adekoya (Universität Sheffield), Eric Kaufmann (Birkbeck College, Universität London) und Thomas Simson (Oxford). Ihr Report, den der liberal-konservative Thinktank Policy Exchange soeben veröffentlichte, hat eine lebhafte Debatte ausgelöst. Er könnte auch gesetzgeberische Folgen haben, denn Policy Exchange besitzt enge Kontakte in die Regierung.

          Für die Studie hat das Meinungsforschungsunternehmen YouGov 820 Universitätsdozenten im Vereinigten Königreich befragt. Ein Resultat war, dass 32 Prozent der Hochschullehrer, die sich politisch rechts der Mitte einordnen, öffentliche politische Aussagen vermeiden, weil sie sonst negative Konsequenzen für ihre Karriere oder sozialen Druck an der Hochschule fürchten. Eric Kaufmann sieht einen „Chilling Effect“, eine Art Selbstzensur zur Vorbeugung gegen Angriffe. Von den Hochschullehrern auf der Linken sagen nur 13 Prozent, dass sie sich politisch zurückhalten.

          Laut der Studie gibt es zwar in beiden Lagern die Tendenz, die andere Seite zu diskriminieren. Doch die Gewichte an den Universitäten sind ungleich verteilt: Eine überwältigende Mehrheit verortet sich links. 75 Prozent der Hochschullehrer haben laut der Befragung bei den letzten Wahlen für Parteien links der Mitte, vor allem für Corbyns Labour-Party gestimmt, weniger als zwanzig Prozent wählten Tory-Kandidaten. Unter den Sozial- und Geisteswissenschaftlern bezeichneten sich nur sieben Prozent als rechts der Mitte.

          Im Griff der „Woken“

          Zugleich ist die Bereitschaft gewachsen, Andersdenkende auszugrenzen. Zwar würde nur eine kleine Minderheit explizite Kampagnen zur Entlassung von Kollegen unterstützen, deren Ansichten mit der politischen Korrektheit kollidierten. Andere Formen der Ausgrenzung sind eher verbreitet. Die Befragung zeigt, dass ein nicht kleiner Teil der Akademiker zugibt, bei Einstellungen, Beförderungen und Forschungsanträgen Bewerber nach ihren politischen Vorlieben zu bevorzugen.

          Weil es insgesamt viel weniger Rechte als Linke an den Hochschulen gibt, scheint es wahrscheinlich, dass Konservative so ins Abseits gedrängt werden. Das zeige sich beim Reizthema Brexit, meinen die Autoren der Studie. Auf der Linken kann das Thema „Transgender-Rechte“ zum Lackmustest werden. Es gab Fälle von feministischen Wissenschaftlerinnen, deren Gastvorlesungen abgesagt wurden.

          „Für politische Minderheiten wie Konservative oder genderkritische Feministinnen ist die akademische Freiheit ernsthaft gefährdet“, schlussfolgern Kaufmann und Adekoya. Der frühere Chef der staatlichen Gleichheits- und Menschenrechtskommission, Trevor Phillips, sieht die Hochschulen „im Griff eines Kults der Woken“, wie man die politisch hyperkorrekten Progressiven im angelsächsischen Sprachraum nennt. Michelle Donelan, die Staatssekretärin für Universitäten, nannte die Umfrageresultate „tief beunruhigend“. Die Universitäten müssten handeln, um die Meinungsfreiheit besser zu schützen.

          Rettungsmaßnahmen für die Wissenschaftsfreiheit

          Die britischen Ergebnisse ähneln tendenziell den Resultaten einer Allensbach-Umfrage im Auftrag des Deutschen Hochschulverbands, die im Februar publiziert wurde. Dort sagten dreißig Prozent der Hochschullehrer, dass die Political Correctness ihre Forschung und Lehre einschränke. In den Vereinigten Staaten ist das Klima indes noch viel schärfer aufgeheizt, wie jüngst der offene Brief von 150 Intellektuellen und Autoren von Noam Chomsky bis J.K. Rowling zeigte, die Auswüchse einer aggressiven Cancel Culture beklagen.

          Die Chefin der britischen Hochschulgewerkschaft University and College Union, Jo Grady, die als Corbyn-Unterstützerin bekannt ist, nannte es dagegen einen „Mythos“, dass die Wissenschaftsfreiheit bedroht sei, schon gar nicht von links. Mit einer wüsten Polemik reagierte im „Guardian“ der Ökonom Jonathan Portes auf die Policy-Exchange-Studie, der nicht nur die Umfragemethode verhöhnte; er unterstellt den Autoren gar, ihre Verteidigung der Redefreiheit verberge in Wahrheit eine „McCarthy-Agenda“ – linke Wissenschaftler sollten zum Schweigen gebracht werden.Der Politikwissenschaftler Antony Glees ist anderer Meinung. „Es gibt eine sehr starke linke Orthodoxie an den Unis und viel Druck, diese orthodoxen Positionen nicht zu hinterfragen“, sagt er. Eric Kaufmann und seine Co-Autoren schlagen vor, im Office for Students im Wissenschaftsministerium die Position eines „Direktors für Wissenschaftsfreiheit“ zu schaffen. Dieser sollte bei Klagen über Diskriminierung eine Untersuchung einleiten. Kaufmann glaubt, dass solche Reformen das Klima an den Hochschulen ändern könnten.

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