https://www.faz.net/-gyl-a3dne

Kooperation mit Fallstricken : Ein Plädoyer für den wissenschaftlichen Austausch mit China

  • -Aktualisiert am

Eingangsportal der Fudan-Universität in Schanghai Bild: ddp/LAIF

Trotz aller Repressionen: Der wissenschaftliche Austausch mit China ist weiter notwendig. Naive Erwartungen sollten westliche Staaten allerdings ablegen. Ein Gastbeitrag

          5 Min.

          Vor drei Wochen schickte mir ein Volkswirt der Peking-Universität ein langes Gedicht. Es enthält 33 Strophen im klassischen Stil der mittelalterlichen Tang-Dichtung zu vier Versen mit je sieben Zeichen. Das Gedicht erzählt die Geschichte Chinas von seinen mythischen Anfängen über die großen Dynastien bis hin zur Neuzeit. Von der 21. Strophe an folgen die traumatischen Erfahrungen des Kolonialismus, die jedem chinesischen Schüler auf der Mittelschule beigebracht werden, von der 27. bis zur 33. Strophe ist davon die Rede, wie unter Kanonendonner Marxismus und Leninismus Einzug hielten und der Siegeszug der Kommunistischen Partei begann. Der Schluss verheißt China eine strahlende Zukunft.

          Der Inhalt des Gedichts ist genauso bemerkenswert wie sein traditioneller Stil. Es macht auf etwas aufmerksam, was hierzulande unvorstellbar, in China aber normal ist: den weitverbreiteten Patriotismus und den Stolz auf das eigene Land, die Absicht, auch dem Gegenwind zu trotzen, der ihm im Moment mit aller Macht ins Gesicht bläst.

          Der Kollege ist kein Einzelfall. Oft bin ich bei Besuchen in China auf Professoren gestoßen, die mir nach dem zweiten Bier am Abend anvertrauten, dass sie aus voller Überzeugung Mitglieder der Kommunistischen Partei seien. Sie kämen aus einfachen Verhältnissen und seien überzeugt, dass sie ohne die zielbewusste Steuerung der Partei nie solchen Wohlstand und Lebenszufriedenheit erreicht hätten. Kritik an Menschenrechtsverletzungen Chinas, die westliche Medien anprangern, halten sie für überzogen, die Berichterstattung über Krisenregionen wie Xinjiang oder Hongkong für einseitig, parteiisch und unfair.

          Man kann diese Auffassung als Ergebnis staatspolitischer Propaganda werten, auch wenn die genannten Kollegen alle nicht im „Tal der Ahnungslosen“ leben, sondern seit vielen Jahren ins westliche Ausland reisen. Oft waren sie für ein Jahr oder länger in den Vereinigten Staaten oder in Europa und wissen, wie man dort über China redet. Das ändert an ihrer Einstellung zumeist nichts. Oft bewirkt es sogar das Gegenteil. Viele chinesische Studenten in Deutschland denken ähnlich. Die Aussagen großer Teile der chinesischen intellektuellen Elite stehen immer wieder in krassem Widerspruch zu Meldungen westlicher China-Beobachter – Ausnahmen bestätigen die Regel. Das heißt nicht, dass wir die Meinung produktiver Außenseiter nicht bitterernst nehmen sollten. Aber wir dürfen auch das Gesamtbild nicht ignorieren.

          Aufstieg und Machtanspruch

          Im Schatten des Wirtschaftsaufschwungs hat sich in China eine Aufholjagd der Universitäten und der außeruniversitären Institutionen vollzogen. Im zu großer China-Freundlichkeit unverdächtigen „Times Higher Education Ranking“ ist die Volksrepublik zwischen 2016 und 2020 in der Sparte der weltweit besten zweihundert Universitäten unter die wichtigsten zehn Länder aufgestiegen. Die beiden erfolgreichsten chinesischen Universitäten, die Peking-Universität und die Tsinghua-Universität, liegen deutlich vor der besten deutschen Universität, der LMU München. Das ist eine Realität, mit der sich der Westen auseinandersetzen muss.

          Niall Ferguson hat jüngst propagiert, die Vereinigten Staaten befänden sich längst im Kalten Krieg mit China, und sie sollten sich darauf einstellen, dies gut zu finden. Auch auf dem deutschen Buchmarkt wird der Kalte Krieg mit China fühlbar. Freund und Feind sind säuberlich sortiert. Das sieht man auch an der Diskussion über die chinesischen Konfuzius-Institute, die hierzulande angefeindet werden, weil sie – auch nach der neuesten Umorganisation – dem chinesischen Machtapparat unterstellt sind. Empirische Evidenz für Fehlverhalten in Deutschland bleibt aber aus. Vor allem für die Vereinigten Staaten ist die Volksrepublik China zum Feind Nummer eins geworden. Drittländer wie Deutschland, die in der Vergangenheit von der Verflechtung mit China in hohem Maß profitiert haben, sollten sich bei diesem Kampf der Giganten darüber bewusst sein, dass der Systemkonflikt auch wirtschaftlicher Natur und national begründet ist.

          Erschwert wird ein selbstbewusster Umgang mit der ostasiatischen Supermacht dadurch, dass es in Deutschland immer noch zu wenig China-Kompetenz gibt. Verantwortliche Institutionen in Deutschland haben dies vor einigen Jahren erkannt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung zum Beispiel hat eine Kampagne gestartet, um in der deutschen Wissenschaftslandschaft zu mehr China-Kenntnis jenseits der dafür von Berufs wegen zuständigen Sinologie zu gelangen. Doch spätestens seit Xi Jinping 2012 Generalsekretär der Kommunistischen Partei wurde und die ideologischen Zügel in der Volksrepublik China anzog, stehen solche Bemühungen auf dem Prüfstand.

          Fallstricke für die Wissenschaft

          Jenseits politischer Vorbehalte gegenüber Chinas Vorgehen in Hongkong oder Xinjiang hat sich das Land auch auf dem Gebiet des Wissenschaftsaustauschs seit Xi immer wieder Feinde gemacht. Viele Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland und Europa haben begonnen, ihr China-Engagement kritisch zu hinterfragen. Ihnen ist gemein, dass ihnen China nicht geheuer ist und sie andere davor warnen wollen, sich allzu leichtfertig auf das Land einzulassen. Gründe dafür gibt es genug. Westliche Verlage wie die renommierte Cambridge University Press haben auf chinesischen Druck in chinesischen Online-Ausgaben zum Beispiel missliebige Artikel über die Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Tiananmen-Platz 1989 weglassen wollen.

          Nach einem Aufschrei aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft kam es dazu nicht, für die Publikationen anderer Verlage gibt es aber keinen vollständigen Zugang in China. Deutsche Wissenschaftsorganisationen beklagen die chinesische Forderung, sich als Nichtregierungsorganisationen registrieren und damit verschärften Kontrollen unterwerfen lassen zu müssen. Moralisch scheint die Sache eindeutig: China entspricht nicht den westlichen Standards, auch wenn man beim zweiten Blick erkennt, dass westliche Unternehmen oft genauso schnell bereit sind, ihre hehren Prinzipien zu opfern, wenn ein Geschäft winkt.

          Kameras, die seit Xi im Unterrichtsraum verpflichtend einzusetzen sind, um den Unterricht zu filmen, werden im Westen als unzulässiger Kontrollversuch angesehen. In Zeiten des Online-Unterrichts, in dem persönlichkeitsrechtsverletzende Mitschnitte auch im Westen kaum mehr zu verhindern sind, ist dieses Argument jüngst in den Hintergrund getreten. Wer will schon als Digitalisierungsfeind dastehen? Anders sieht es mit Eingriffen in die Lehrmittelfreiheit aus.

          Seit einigen Jahren stehen chinesische Universitäten und Schulen unter Druck, Textbücher, in denen westliche Werte gelehrt werden, aus dem Unterricht zu verbannen und stattdessen den Marxismus und Leninismus hochzuhalten. Unterricht in Marxismus und Leninismus ist jedoch nicht erst seit Xi Jinping für jeden chinesischen Studenten Pflicht. Daran hat sich vor Xi kaum jemand gestört. Heikel können die chinesischen Bemühungen, gegen westliches Lehrmaterial vorzugehen, vor allem in sozialwissenschaftlichen Fächern wie der Juristenausbildung werden. Gerade hier sollten wir im Dialog bleiben, denn China ist nach wie vor auf Texte aus westlichen Rechtssystemen angewiesen, wenn es den heimischen Rechtsrahmen weiter ausbauen möchte – und es ist nach wie vor dabei. Das deutsche Rechtswesen genießt in China in vielen Bereichen Vorbildcharakter.

          Potentiale der Zusammenarbeit

          Vor Unrecht, das in China begangen wird, dürfen wir unsere Augen nicht verschließen. Bei aller Entrüstung über chinesische Politik in Hongkong oder gegenüber den Uiguren müssen wir bereit sein, die westliche Brille manchmal abzunehmen und uns zu fragen, ob es auch andere Perspektiven geben kann. Gleiches gilt für die Wissenschaft: Dass es chinesische Spionage an westlichen Universitäten gibt, ist unstrittig und muss bekämpft werden. Indes geht es in den allermeisten deutsch-chinesischen Kooperationen gar nicht um einen Wettbewerb auf Leben und Tod, in dem man nur dadurch gewinnt, dass man sich technische Geheimnisse aneignet, ohne den anderen teilhaben zu lassen.

          Nach den Erfahrungen, die ich sowohl mit einer Dreierkooperation der Max Weber Stiftung mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und der École Francaise d‘Extrême-Orient als auch im Rahmen eines akademischen Netzwerkes der LMU München mit chinesischen Spitzenuniversitäten sammeln konnte, gibt es an Chinas Universitäten und in seinen politischen Institutionen zahlreiche vernünftige Menschen, die mit Deutschland gerne zusammenarbeiten wollen. Solchen potentiellen Partnern geht es zumeist nicht um einen nationalen Vorsprung, sondern um das wissenschaftliche Thema oder um Verbesserungen für die ganze Gesellschaft.

          Es wäre naiv zu glauben, wir könnten im bilateralen Verhältnis heute noch wie zu Kolonialzeiten aus komfortabler Überlegenheit heraus die terms of trade bestimmen. In vielen Bereichen könnte es bald umgekehrt aussehen – die für uns interessanten chinesischen Kooperationspartner werden nicht auf uns warten, wenn wir nicht wollen. Durch die Aufrechterhaltung des Dialogs setzen wir nicht unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung aufs Spiel. Im Gegenteil, nur so können wir unsere Überzeugungen kommunizieren und Meinungsverschiedenheiten ansprechen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.