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Richard Rorty wiedergelesen : Der liberale Ironiker im postumen Vokabeltest

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In den Vorträgen und Kommentaren wurde deutlich, dass sich auch für andere Tagungsteilnehmer nicht nur an diesem Punkt die Frage stellte, ob das Denken Richard Rortys eher als Beitrag zur Lösung oder als Symptom für die Probleme der gegenwärtigen politischen Lage zu betrachten ist. Josef Früchtl (Amsterdam) betonte das Konstruktive: Rortys „Abrüstung der Philosophie“ setze – ganz im Sinne von Tina Turners Popsong „We Don’t Need Another Hero“ aus dem Jahre 1985 – keinen Gegenhelden mehr an die Stelle der alten Metaphysik und ermögliche so einen pragmatischen Bezug zu den alltäglichen Problemen der eigenen Gesellschaft. Dass „der typische Charakter der Menschen in liberalen Demokratien tatsächlich fade, berechnend, kleinlich und unheroisch“ sein dürfte, akzeptiere Rorty als „Preis der politischen Freiheit“.

Christian Schwaabe (LMU München) nutze gerade diese Tatsache für einen interessanten Vergleich mit Max Weber. Denn beide teilten das Ziel, die „entzauberte Welt“, den modernen Rationalismus und die funktionale Differenzierung der Gesellschaft, zu ertragen. Doch anders als Weber nehme Rorty dabei keine „heroische Haltung“ ein, die sich in einem „kulturpessimistischen und tragischen Bewusstsein“ niederschlage, sondern antworte auf romantische Kulturängste salopp amerikanisch: „So what?“ Erhabenheit und Heldentum könnten Teil eines interessanten Vokabulars sein, wenn die Vokabeln innerhalb der privaten Sphäre vorgetragen würden; in der Öffentlichkeit fügten diese Sehnsüchte dem liberalen Gemeinwesen Schaden zu.

Im Vergleich mit John Rawls

Überhaupt scheint Rortys Frage nach dem Vokabular, das in der Öffentlichkeit gesprochen werden sollte, für die politische Gegenwart besonders anregend zu sein. John P. Anderson (Mississippi College School of Law) zeigte in einem Vergleich mit der Gerechtigkeitskonzeption von John Rawls, dass beiden eine recht rigide Vorstellung davon attestiert werden kann, wie der politische Diskurs zu gestalten sei.

Rortys Anliegen, religiöse Sprechweisen und andere Identitätsargumente sollten aus der öffentlichen Diskussion möglichst ferngehalten werden, weil sie als „conversation stopper“ fungierten, brachte, so Anderson, dem Philosophen erbitterte Gegner auf der rechten und linken Seite des politischen Spektrums ein. Denn ein öffentliches Gespräch, das die exklusiven Belange marginalisierter Gruppen oder sogar aller Religionsgemeinschaften ausschließe, laufe Gefahr, seinen solidarischen und liberalen Anspruch zu verfehlen. Dennoch stimmte Anderson Rorty darin zu, dass eine gemeinsame Politik ohne gemeinsamen Wortschatz nicht demokratisch zu finden und durchzusetzen sei.

Worin besteht aber das Gemeinsame einer Gesellschaft, die sich weltanschaulich polarisiert? Reicht es noch aus, sich pragmatisch eines mehr oder weniger geteilten Vokabulars zu bedienen, oder offenbart sich Rortys Vorstellung einer nach-metaphysischen Gesellschaft im Nachhinein als allzu voraussetzungsreich? Der Verzicht auf Letztbegründungsfiguren scheint aus heutiger Sicht jedenfalls weniger als philosophische Wende denn als politisches Problem verstanden zu werden.

Das Bedürfnis, nicht bei den Vorschlägen von „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ stehenzubleiben, zeigte sich auf der Tagung auch im leitmotivisch wiederkehrenden Plädoyer, über Rortys Pragmatismus hinauszudenken, um sich der Herausforderung seines Denkens zu stellen. Am Ende könnte es ganz im Sinne einer Philosophie sein, die den „Vorrang der Demokratie vor der Philosophie“ behauptet, ihr Vokabular nicht stur zu übernehmen, sondern kreativ auf die politische Gegenwart anzuwenden – und, wenn nötig, auch zu korrigieren.

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