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Kolumne : Ziemlich außergewöhnlich

  • -Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak

Kling hatte großes Interesse für das Ungewöhnliche und Überraschende. Doch sosehr er auch forschte, eine Begabung außergewöhnlicher Art konnte er einfach in sich nicht finden.

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          Kling war ein ganz besonderer Mensch. Dachte er jedenfalls von sich. Nicht zu Unrecht, dachte er weiter, denn alle Menschen waren ja ganz besonders, so dass dies wiederum eigentlich nichts Besonderes war. Bekanntlich war dies ein Paradoxon, an dem nicht wenige ernstlich litten, wann immer ihnen einmal wieder ihre Normalität vor Augen geführt wurde. Kling aber hatte einen Ausweg aus diesem scheinbar unentrinnbaren Widerspruch gefunden. Wenn es nichts Besonderes war, etwas Besonderes zu sein, musste man eben noch besonderer werden.

          Dieser Gedanke war bereits im frühen Kling gereift. Seit Kindertagen hegte er deshalb ein außergewöhnliches Interesse für das Ungewöhnliche und Überraschende. Lange Zeit träumte er davon, Erfinder zu werden, später, Artist, noch später, Künstler. Er schwärmte für alle Berufe, die vermuten ließen, dass sie nur von Menschen mit ganz besonderer Begabung ausgeübt werden konnten. Doch sosehr er auch in sich forschte, eine Begabung solcher Art konnte Kling in sich nicht finden.

          Schwermut und Enttäuschung waren jedoch Klings Sache nicht, er reüssierte schließlich auf anderen Feldern und fand auch eine durchaus ansehnliche Beschäftigung in einem durchaus ansehnlichen Büro. Seine Neigung zum Besonderen nahm dadurch übrigens nicht im Geringsten ab. Vielmehr kultivierte er sie und war dabei vollkommen immun gegen Abfälligkeiten von anderen. Er fragte sich allerdings, welches merkwürdige Vergnügen sie wohl daraus zogen, möglichst nicht aufzufallen.

          Wie viele Arbeitnehmer fuhr Kling mit dem Rad ins Büro. Anders als die meisten aber nicht mit einem normalen Fahrrad, sondern mit einem Liegerad. Wenn es später wurde und er mit Licht fahren musste, schnallte er sich eine Lampe auf die Stirn wie ein Arzt seinen Kopfspiegel. Viele Angestellte trugen Krawatte, Kling war ein überzeugter Anhänger der Fliege. Im Unterschied zur Krawatte brachte sie einen gewissen Pfiff ins Spiel und war zweifelsohne ein universell verständliches Mittel, wenn es darum ging, individuelle Klasse sichtbar zu machen. Am Schreibtisch saß er noch immer auf einem jener riesigen signalgrünen Bälle, welche die Krankenkassen vor Jahren einmal verteilt hatten.

          Es konnte nicht ausbleiben, dass die Kollegen tuschelten, und er genoss es. Einmal hörte er zwei in grauen Anzügen reden, als er in seinem großkarierten an ihnen vorüberging: „Den gibt es auch nur einmal!“ Natürlich entging Kling der ironische Unterton keineswegs, und dennoch stimmte er ihnen innerlich aus vollstem Herzen zu.

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