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Kolumne „Uni live“ : Weihnachten mit einer Essstörung

  • -Aktualisiert am

Für Menschen mit Essstörungen eine Herausforderung: Weihnachtsgebäck Bild: picture alliance

Sabrina und Nora sind Studentinnen, doch die schwerste Prüfung absolvieren sie in ihrer therapeutischen WG: Hier ringen sie mit Plätzchen, Pudding und der Frage, wo sie dieses Jahr die Feiertage verbringen wollen.

          3 Min.

          Als junger Erwachsener nochmal nach den Regeln leben zu müssen, die am elterlichen Esstisch oder unter dem elterlichen Weihnachtsbaum gelten, kann sich wie ein Rückschritt in der persönlichen Entwicklung anfühlen. Ganz anders ist es bei der 22-jährigen Studentin Sabrina*. Wenn sie über die Feiertage zu ihren Eltern nach Hause fährt, hat sie dort auf einmal mehr Freiheiten als in den eigenen vier Wänden – so viel Freiheit, dass es ihr Angst macht. Plötzlich könnte sie essen und trinken, was sie möchte, könnte auch komplett aufs Essen verzichten, wenn sie wollte, aber sie hält sich eisern an das, was sie kennt: einen Messbecher, mit dessen Hilfe sie eine normalgroße Portion Müsli abmisst. Genauso macht Sabrina es in ihrer betreuten WG in München, einer Einrichtung für junge Frauen mit Essstörungen.

          Die normalgroße Portion tut Wunder für Sabrinas Gesundheit. Wegen ihrer Bulimie-Erkrankung kannte sie jahrelang nur die Extreme. Entweder aß sie gar nicht, oder sie verzehrte Unmengen, sobald der Heißhunger die Oberhand gewann. Im Anschluss erbrach sie sich, um ihr Gewicht zu halten. Bis zu ihrem WG-Einzug in diesem Jahr bestimmte die Bulimie ihr Leben. „Die meisten Leute können sich das gar nicht vorstellen, dass sich ab dem Aufstehen der ganze Tag darum dreht“, sagt sie, „wie das Essen plötzlich Vorrang vor den Sozialkontakten und allem anderen bekommt.“ Während des Hungerns schlichen sich bereits Gedanken an den Essanfall ein, der wiederum ganze Nachmittage einnehmen konnte. Sabrina plante ihren Mageninhalt in Schichten: Weit unten legte sie ein Fundament aus Salat – obendrauf folgte die Großpackung Toastbrot mit Honig, die es danach loszuwerden galt.

          Heute sind es WG-Schichten, die Sabrinas Leben eine Struktur geben. Müll- und Putzdienste, wie man sie in jeder Studenten-WG verteilen muss, werden hier ergänzt durch wöchentliche Termine mit den Therapeutinnen und Ernährungsberatern; außerdem durch verbindliche Mahlzeiten, bei denen auf Menge und Ausgewogenheit geachtet wird. Zum Beweis stellen sich alle mit ihrem Teller in der Küche in einer Schlange auf. Wer Brot isst, muss es mit mindestens zwei Extras belegen. Unter den Hummus gehört also zwingend noch Butter oder Frischkäse. Das erste betreute Frühstück gibt es schon um 6.15 Uhr, denn Sabrina muss auch ihr Wirtschaftsinformatik-Studium in ihrem Tagesplan unterbringen. Manchmal geht sie früher aus dem Hörsaal, um es rechtzeitig zu einer Mahlzeit zurück zu schaffen. In der Uni weiß bisher niemand über ihre Wohnsituation Bescheid.

          Eine Tischgesellschaft, bei der immer jemand weint

          Kurz vor unserem Gespräch hat Sabrina sogar einen Spekulatius-Pudding bezwungen, das ist eine stolze Leistung für sie. Vor allem mit Fett und Zucker sollen die WG-Bewohnerinnen konfrontiert werden. In der Adventszeit backen die Pädagogen mit ihnen Weihnachtsplätzchen, obwohl sie eigentlich niemand essen möchte. „Aber jedes Mal, wenn man es doch macht, wird es leichter“, sagt Sabrina. Denkt sie an Weihnachten, fallen ihr sofort üppige Menüs und kalorienhaltiger Alkohol ein. Es sei schwer, sich auf große Feste zu freuen, wenn man nur das Dilemma am Esstisch vor Augen hat.

          Nicht in jedem Elternhaus wird Rücksicht auf die Bedürfnisse von Bulimie- und Magersucht-Patientinnen genommen. Vor einem Jahr an Weihnachten hatte Sabrina die Krankheit noch vor ihren Eltern verheimlicht, denn Bulimie ist am körperlichen Erscheinungsbild nicht so leicht zu erkennen wie Magersucht. „Wieso lässt du das nicht einfach sein?“, habe ihre Mutter sie später gefragt, als es herauskam – und geweint, als Sabrina das Zimmer in München bezog. Am WG-Tisch gebe es mehr Verständnis und Hilfsbereitschaft füreinander, obwohl keine zwei Essstörungen sich je gleichen.

          Der Plätzchenduft strömt durch den Flur – bis in eine zweite Küche, in der das Backen verboten ist. Die Räumlichkeiten der WG sind durch ein Phasensystem aufgeteilt. Während Sabrina es schon in die „Phase 3“ geschafft hat, hinüber an den „coolen Tisch“ und in die andere Küche, ist Soziologie-Studentin Nora* noch in „Phase 2“, steht also kurz vor dem Übertritt. Am Anfang des Heilungsprozesses wird das Essen nie außer der Reihe serviert: Die Weihnachtsfeier wird noch ohne Snacks, das Krimi-Dinner ohne Dinner durchgeführt, um niemanden zu überfordern. In Phase 3 und 4 werden die Mahlzeiten vor den Augen der Pädagogen portioniert, davor, in Phase 1 und 2, sogar unter Aufsicht gegessen. Spätestens hiervon darf man sich an ein paar soziologische Klassiker erinnert fühlen. Am liebsten würde Nora für die Uni eine soziologische Studie über das besondere WG-Gefüge verfassen. „Es ist im Grunde eine normale Tischgesellschaft, nur, dass eben immer jemand weint“, sagt sie.

          Treue Zimmergenossen

          Das ständige Ermahnen beim Essen, aber auch das Schummeln der Mitbewohnerinnen sei für Sabrina am Anfang schwer erträglich gewesen. An ihrem ersten Wochenende stand sie schon wieder mit gepackten Koffern in der Tür. Eine Pädagogin nahm sie zur Seite und sagte ihr, dass sie sich nach ihrem Auszug weiterhin jederzeit melden dürfe, wenn sie Hilfe brauche. Diese kleine Geste hat sie zum Bleiben bewogen. Von den Pädagoginnen und Pädagogen arbeitet rund um die Uhr und auch an Heiligabend jemand in der WG. Sie sind nur wenig älter als die Patientinnen und viele empfinden das Verhältnis als freundschaftlich.

          Nora will deshalb, im Unterschied zu Sabrina, ihr Weihnachtsfest in der WG verbringen. Das hätte sie am Anfang, als sie noch manchmal die Mahlzeiten schwänzte und spätestens nach dem letzten Bissen einen starken Fluchtinstinkt verspürte, niemals von sich gedacht. Sie hat sich seitdem schön eingerichtet, das Amt der WG-Sprecherin übernommen und sie versteht sich gut mit ihrer Zimmergenossin, die bei ihr bleibt, obwohl sie mittlerweile Anrecht auf ein Einzelzimmer hätte – und obwohl es für Erwachsene, die vor Kurzem noch Fremde waren, natürlich irgendwo merkwürdig sei, sich ein Zimmer zu teilen. „Man darf die WG also nicht nur durch die Linse der Krankheit sehen“, sagt Nora. „Es ist auch eine echte WG.“

          * Namen auf Wunsch der Studentinnen geändert.

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