https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/kolumne-uni-live-was-ist-eigentlich-medizin-18820174.html

Kolumne „Uni live“ : Was ist eigentlich Medizin?

  • -Aktualisiert am

Mit offenen Fragen in der Anatomie Bild: picture-alliance/ dpa

Wer einmal die Frage nach dem Wesen der Medizin aufwirft, kommt zu keinem Ende mehr. Wie grenzt man sie gegen die Biologie oder Biochemie ab, wie wichtig ist der Anwendungsaspekt? Eine Einladung zum Grübeln.

          3 Min.

          Die Medizin ist ein Studienfach – das ist wohlbekannt und gerade uns selbstverständlich, die wir Studenten der Medizin sind. Und dieses Studium muss absolvieren, auch das ist weder ein Geheimnis noch bahnbrechende Erkenntnis, wer Arzt oder Ärztin werden will. Doch die Frage, was die Medizin ihrem Wesen nach sei, ob Wissenschaft, ob Naturwissenschaft oder was sonst, kurz: was es heiße, Medizin zu studieren, harrt über zwei Jahre lang einer tiefergehenden Betrachtung.

          Im Verlauf der vier Semester des „vorklinischen Studienabschnitts“, die das Physikum, unser Erstes Staatsexamen, beschließt, stellt sie sich immer wieder, mal leise, mal laut vernehmbar, und bleibt doch weitgehend unbeachtet. Manchen von uns mutet die Frage auch dann noch gegenstandslos an, wenn sie im fünften Semester endlich Thema des Kurses „Theorie der Medizin“ ist. Vielleicht tun sogar diejenigen gut daran, die ihr Selbstverständnis als angehende Mediziner nicht antasten. Denn wer es antastet, muss sich, einmal damit angefangen, mit immer schwierigeren Fragen befassen: damit, was Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit kennzeichne, und damit, was an der Medizin besonders sei.

          So stolpert er über den Vorschlag, zwischen „medizinischer Wissenschaft“ und „praktischer Medizin“ zu unterscheiden, und beinahe unerwartet drängen sich handfeste Konflikte auf, die spätestens dann politischer Natur sind, wenn es um paramedizinische Verfahren wie die Homöopathie geht.

          Wie einzigartig ist die Medizin?

          Dankbar nimmt man Zuflucht zu Definitionen der Medizin, die neuen Halt geben. Die Medizin sei, lautet eine solche, „eine Anwendungs- und Handlungswissenschaft, die Methoden und Theorien anderer Wissenschaften, der Chemie, der Physik, der Biologie, der Psychologie und der Sozialwissenschaften unter dem Gesichtspunkt ihrer Brauchbarkeit für die Erkennung, Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten auswählt, modifiziert und empirisch Regeln für die Anwendung in Forschung und Praxis der Medizin erarbeitet" (Klaus D. Bock). Die Medizin, also, ist eine unmittelbar zweckgebundene Wissenschaft, wird betrieben, um Patienten immer besser zu behandeln.

          Dabei besteht ihr besonderer Charakter nicht darin, dass ihre Erkenntnisse angewandt werden, denn auch die Physik, die jedem und zu Recht als Wissenschaft und Naturwissenschaft und der Wissenschaftstheorie oft als Naturwissenschaft schlechthin gilt, wird angewandt, sondern darin, dass der medizinischen Forschung die Anwendung Anlass ist, nicht ein unbestimmter Erkenntnisdrang. Die Medizin ähnelt hierin den Ingenieurswissenschaften, kann in dieser Hinsicht als besonders, aber nicht als einzigartig gelten.

          Diese Betrachtungen fallen auch darum so schwer, weil häufig unklar bleibt, welche Gebiete, die Medizinische Fakultäten vereinen, gemeint seien. Wirft man einen Blick auf die Stundenpläne der Studenten des „vorklinischen Studienabschnitts“ wie mir, liegt es nahe, Anatomie und Physiologie zur Biologie zu schlagen und ebenso wie die Biochemie als Naturwissenschaften zu bezeichnen. Die Medizinische Soziologie hingegen trägt die Sozialwissenschaft im Namen, wohingegen die Medizinische Psychologie zwar unbedingt als Wissenschaft gilt, sich wie die Psychologie selbst darüber hinaus aber nicht einordnen lässt.

          Arzt werden ist kein Muss

          Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Kurs, der sich mit den umrissenen Fragen befasst, am Beginn des „klinischen Studienabschnitts“ steht, in dessen Rahmen die Disziplinen gelehrt werden, die auch außerhalb medizinischer Forschungseinrichtungen zu finden sind und mit denen Patienten unmittelbar in Kontakt kommen: Augenheilkunde, Neurologie, Kardiologie und so weiter. Jede dieser Disziplinen hat die naturwissenschaftlichen und andere Fächer zur Grundlage; es gibt viele und treffendere Varianten der zitierten Definition, sie alle beginnen wie folgt: „Die Augenheilkunde/ Neurologie/ Kardiologie ist eine Anwendungswissenschaft…“

          In den vergangenen anderthalb Jahren sind meine Kommilitonen und ich von Dozenten oft als „zukünftige Ärzte“, zukünftige Anwender medizinischen Wissens angesprochen worden. Immer wieder ist diese Formulierung bemüht worden, wenn sich ein Dozent daran machte, auszuführen, warum dieses oder jenes „wichtig“ oder „relevant“ sei. Nie aber habe ich einen Hinweis darauf vernommen, dass „die medizinische Wissenschaft sich […] nicht auf den Zweck der Anwendung in der ärztlichen Praxis […] beschränken muss“, dass sie „auf ein vollständiges und systematisch geordnetes Gesamtwissen abzielt“, wie es im Skript zum Kurs „Theorie der Medizin“ heißt. Dabei glaube ich fest daran, dass es junge Menschen gibt, die Medizin studieren, aber nicht als Arzt oder Ärztin arbeiten wollen. Und daran, dass unter ihnen solche sind, die sich daran beteiligen werden, die Medizin als Wissenschaft zu vervollständigen und zu systematisieren.

          Oskar Mahler (20 Jahre alt) studiert Medizin an der WWU Münster. Wenn er sich nicht gerade in Details verliert, sucht er zwischen Fragen und Antworten nach – ja, was eigentlich?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.