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Kolumne „Uni live“ : Gemeinsam scheitern

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Besser lernen in der Gruppe? Das darf bezweifelt werden! Bild: Martin Ly

Mehr Motivation, soziale Kompetenz und Wissensaustausch – all das ermöglicht Gruppenarbeit im Studium. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht leider völlig anders aus!

          3 Min.

          Kurz vor Beginn der Präsentation liegen die Nerven blank. Während einer verzweifelt versucht, seinen Laptop mit dem Whiteboard zu verknüpfen, ordnet die andere mit hochrotem Kopf in letzter Minute ihre Karteikarten. Ein Dritter steht beinahe unbeteiligt neben der Szenerie und der vierte im Bunde ist gar nicht erst aufgetaucht. Der Dozent tadelt genervt die schlechte Vorbereitung der Gruppe, während der Rest des Seminars mit offenen Augen schläft.

          So oder so ähnlich sahen bei mir mindestens die Hälfte aller Seminarsitzungen während meines Bachelorstudiums aus. Warum Dozentinnen und Dozenten Jahr für Jahr der Meinung sind, Gruppenarbeiten mit anschließendem Referat seien eine bereichernde Abwechslung jeder studentischen Laufbahn, leuchtet mir bis heute nicht ein. Schließlich ist unter Studierenden allgemein bekannt, das Gruppenarbeit eine der am meisten verhassten Pflichten des Studentendaseins ist.

          Denn auch all das, was sich üblicherweise im Vorfeld eines solch missglückten Versuchs einer Präsentation abspielt, ist für uns Studis meist sehr nervenaufreibend. Zahlreiche Diskussionen und Reibereien mit meist fremden Kommilitonen und unterschiedliche Vorstellungen von Arbeitsmoral - da droht der Geduldsfaden mehr als einmal zu reißen. Meist prallen bei dieser Art des sozialen Lernens verschiedenste Charaktere aufeinander, die sich bei freier Wahl ihrer Gruppenkollegen nie zusammengefunden hätten. Und schon bei der ersten gemeinsamen Besprechung der kommenden Zusammenarbeit wird häufig klar: Man wird nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Daher passiert oft Folgendes: Schnell kristallisieren sich verschiedene Gruppenarbeits-Typen heraus.

          Der Engagierte

          Zunächst gibt es den Engagierten. Er übernimmt schnell das Zepter einer jeden Gemeinschaftsarbeit und versucht die Übrigen durch das Präsentations-Chaos zu dirigieren. Er verfolgt vor allem ein Ziel: Eine möglichst gute Gesamtnote zu erzielen, koste es was es wolle.

          Der Faulenzer

          Den Ehrgeiz des Engagierten macht sich der zweite Gruppenarbeits-Typ zu nutze. Der Faulenzer weiß um die Ambitioniertheit seines Teamkollegen und macht daher eines sehr gekonnt - nichts. Sei es Berechnung oder schlicht Gleichgültigkeit, er weiß: Wenn er weniger macht, macht der engagierte Kommilitone umso mehr. So gehen diese beiden Typen eine scheinbar symbiotische Verbindung ein, die jedoch schlussendlich meist darin mündet, dass ersterer sich lautstark über die Bequemlichkeit seines Kommilitonen beschwert.

          Der Beobachter

          Der dritte Gruppenarbeitstyp ist der Beobachter. Er hat sich fest vorgenommen, bei dieser Gruppenarbeit tatkräftiger mitzuhelfen als bei vergangenen. Entgegen dessen sagt er jedoch fast die gesamte Vorbereitungszeit lang nichts und wenn, dann sind es meist unnütze Kommentare oder Verbesserungsvorschläge, die der Gruppendynamik zwar nicht direkt schaden, aber das gemeinsame Arbeiten auch nicht gerade vorantreiben. Für seine Kommilitonen bleibt daher immer die Frage: Ist es Schüchternheit, die den Teamkollegen so hemmen, etwas Gewinnbringendes beizutragen oder schlicht die Tatsache, dass er das Thema nicht ganz verstanden hat?

          Der Abwesende

          Zu guter Letzt gibt es leider auch noch einen vierten Typen: Derjenige, der am Tag der Präsentation immer krank oder sonstwie verhindert ist. Damit die Gruppe unter seinem Nichterscheinen jedoch nicht leiden muss, schickt er seinen Kommilitonen in letzter Minute die eigenen Notizen. Einer der anderen muss sie dann vortragen, mehr schlecht als recht und meistens stammelnd.

          Hohes Konfliktpotenzial

          Entgegen wissenschaftlicher Studien, welche die zahlreichen Vorteile von Gruppenarbeiten, wie beispielsweise gesteigerte Motivation, die Entwicklung sozialer Kompetenzen und Wissensaustausch betonen, zeigen Erfahrungen aus dem Studi-Alltag also vor allem, dass Teamarbeiten ein hohes Konfliktpotenzial bergen. Und die Mitwirkenden entnervt hinterlassen. Da Dozenten von Gruppenarbeiten jedoch nicht abrücken wollen und unter einigen Studenten mit der Zeit sogar der gehässige Vorwurf entstanden ist, Profs würden es sich selbst nur leicht machen wollen, indem sie ihren eigenen Job auf die Studenten abwälzen, bleibt die Frage, wie man eine Gruppenarbeit übersteht, ohne an den Rand des Wahnsinns getrieben zu werden.

          Hier also einige Tipps, die das Zusammenarbeiten erleichtern können: Um zunächst zu vermeiden, dass sich aus den To-Dos innerhalb einer Gruppenarbeit ein „Tu-Du's“ entwickelt und einer die gesamte Arbeit übernimmt, sollten zunächst einige Gruppenregeln aufgestellt werden. Dazu zählen neben grundsätzlichen Verständigungen wie pünktliches Erscheinen und Mitarbeit, dass Aufgaben gleichermaßen verteilt werden und von Beginn an festgelegt wird, wer was vorträgt. Zudem kann ein konkreter Zeitplan helfen, Teilziele innerhalb der Gruppe zu erreichen und Schritt für Schritt zu einer gelungenen Präsentation zu gelangen.

          Trotzdem können Komplikationen beim gemeinsamen Arbeiten auftreten. Seien es hitzige Diskussionen bezüglich des Gruppenthemas oder Missverständnisse bei der Aufgabenverteilung. Ganz gleich, um welche Art von Schwierigkeiten es sich handelt, sollten alle Gruppenmitglieder stets versuchen, ruhig und sachlich auf die Probleme zu reagieren. Nur so können Lösungen gefunden und letztlich ein gutes Gesamtergebnis erzielt werden. Und wer dennoch ab und an überzukochen droht, sollte sich eines immer wieder vor Augen führen: Auch jede noch so leidige Gruppenarbeit ist spätestens am Ende des Semester vorbei.

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