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Kolumne „Uni live“ : Oh, du hässliche Studentenbude!

  • -Aktualisiert am

Hässlichkeit als Lebensstil: die Studentenbude Bild: picture alliance / Sodapix AG

Seit Jahrhunderten gehören unfreundliche Wohnverhältnisse zum Studentensein dazu. Warum ändert sich daran nichts – lernt man auf Sperrmüllsesseln mehr als auf Designersofas?

          3 Min.

          Ach, was war das für ein Schreck, als ich zum ersten Mal meine Studentenbude betrat: Ein Zimmer in einer Zehner-WG im Studentenwohnheim, das so hässlich war, dass es mir die Sprache verschlug. Eine längliche Kammer mit klotzigen Holzmöbeln, aschgrauem Linoleumboden und einer Leuchtstofflampe an der Decke, die alles so hell und kalt bestrahlte, dass ich mich wie in einem Gefängnisfilm fühlte.

          Das grelle Licht dient in diesen Filmen der Wahrheitsfindung – zumindest ästhetisch. Wer ausgeleuchtet ist wie der Mann im Mond, kann schlecht etwas verheimlichen. Die Neonröhre an der Decke hielt mir meine Wahrheit unmissverständlich vor Augen: jung und arm, aber Lust auf Uni. Das Zimmer im Wohnheim sollte mich so günstig wie möglich durch das Studium bringen. Das tat es auch, am Ende blieb ich fünf Jahre im Wohnheim. Die Deckenleuchte habe ich außer in den ersten Tagen aber nie wieder angeschaltet, sondern durch eine Stehlampe ersetzt. Eine tägliche Wahrheitsbekundung meines Lebens brauchte ich dann doch nicht. Der Rest war egal. Mein Motto wurde: Schöner wohnen kann ich, wenn ich alt bin!

          Zwar wohnt nur knapp jeder zehnte Student in Deutschland in einem Wohnheim, doch auch die übrigen 90 Prozent haben es nicht unbedingt schöner. Jeder dritte Student lebt in einer Wohngemeinschaft. Was sich lauschig anhört, entpuppt sich oft als Wohnbatterie, in der noch jede Besenkammer vermietet wird, um die hohen Mietkosten aufzuteilen. Die einzige Bedingung für das WG-Zimmer: Ein Fenster muss es haben. Wirklich! Eine richtige Tür ist nur optional. Ich kenne Wohngemeinschaften, da hat mancher arme Tropf nur eine Schiebetür aus dünnem Glas, die nicht mal bis zum Boden reicht.

          Dann gibt es Pizza halt aus der Pfanne

          Das sind alles Luxusprobleme, würden jetzt andere Studierende entgegnen. Rund 20 Prozent der Studierenden leben allein, aber nicht jeder davon hat genügend Zaster für eine Wohnung, in der man mehr als drei Schritte gehen kann. Viele greifen auf sogenannte Studio-Apartments zurück, die so bemessen sind, dass man Probleme mit dem Tierschutz bekäme, zöge dort ein Hamster ein. Wer nicht aufpasst, stolpert vom Bett in den Herd und fällt dann rückwärts ins Klo. Aua!

          Zu den beengten Verhältnissen kommt die Lage, die für sich spricht. Oft befinden sich die Studentenwohnungen im Dach- oder Erdgeschoss, hin und wieder auch im Keller. Also überall dort, wo ältere Mieter eher ungern wohnen. Auf dem Wohnungsmarkt sind wir Studierende an den Rand gedrängt, wir wohnen überdurchschnittlich schlecht und hässlich. Das könnte ich jetzt bemängeln und bequaken, das mache ich aber nicht.

          Denn es ist ja nichts Neues, seit Langem gehört das zum Dasein als Student irgendwie dazu. Das schafft Identität, und nicht im schlechtesten Sinne. Aus der Not machen wir eine Tugend, improvisiertes Wohnen haben wir zum studentischen Volkssport erklärt. Getreu dem Motto: Wenn wir schon hässlich wohnen, dann machen wir daraus auch einen Lifestyle. Der Backofen ist kaputt? Egal, dann gibt es Pizza halt aus der Pfanne. Fünf Gabeln und acht Gäste? Nichts leichter als das, man isst in zwei Etappen. Und wer keinen Stuhl hat, nimmt sich eben einen Bierkasten!

          Wer Geld für Bier hat, kann auch einen Stuhl kaufen. So ist es ja nicht. Sparen ist keine reine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Übung der Besinnung. Wer in der Studentenbude sitzt, lernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wir alle wissen: Nicht die Qualität des Schaumweins macht die Party, sondern die Menschen um einen herum. Ich kann mir kein ehrlicheres Wohnen vorstellen als in der Studentenbude; das Leben dort ist hedonistisch orientiert.

          Statussymbole zählen hier nichts, sondern werden als das entlarvt, was sie sind: gesellschaftlicher Nippes. Ein Designer-Sofa nützt nichts, wenn man keine Zeit hat, darauf zu sitzen. Ein feines Essen aus dem High-End-Küchengerät wird erst dann zu einem besonderen Erlebnis, wenn man es mit jemandem teilen kann. Und was bringt das auf dem neuesten Stand der Technik eingerichtete Homeoffice, wenn man einen Job hat, der einen nicht erfüllt?

          Klar, auch ich hätte gerne Designer-Möbel, geile Töpfe und bumsteure Duftkerzen, aber das macht das Leben nicht besser, wenn die Basis nicht stimmt. Das lehrt uns die Studentenbude. Mein ehemaliges Wohnheim ist das hässlichste Haus, das ich kenne. Aber ich hatte dort eine wunderbare Zeit. Einfach, weil ich so viel Lust auf Leben hatte. Ich hoffe, dass von diesem Wissen etwas zwischen Fünfzig-Stunden-Woche und ETF-Portfolio übrigbleibt.

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