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Kolumne „Uni live“ : Die Kraft der Kooperation

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Auch fachfremde Anstöße können zu neuen Ideen führen. Bild: Picture-Alliance

Die Enttäuschung über das dritte Digital-Semester wird dadurch verstärkt, dass Studenten zu wenig Austausch mit Kommilitonen außerhalb ihres eigenen Fachs haben. Warum es sich lohnt, über den Tellerrand zu schauen.

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          Seit mehr als einem Jahr findet unser Studium ausschließlich digital statt, und die virtuellen Begegnungen beschränken sich meist auf Angehörige des eigenen Studienfachs. Wir sehen die immer gleichen vier Wände unseres heimischen Arbeitsplatzes und die gleichen Kacheln der Kommilitonen auf Zoom und Co. Das Gefühl des sozialen und akademischen Stillstandes, das uns in diesen Tagen manchmal beschleicht, hängt auch damit zusammen, dass wir viel weniger Kontakt mit Studenten anderer Fächer haben.

          Viele sind des Online-Studiums müde geworden, und es fehlt häufig die Motivation, aus eigenem Antrieb über den Tellerrand des eigenen Studienfachs zu schauen. Dabei könnte gerade jetzt ein guter Zeitpunkt sein, uns mit Studenten anderer Fächer digital zu vernetzen, über die Themen unserer Forschungsarbeiten zu sprechen, Projektideen zu teilen, die in unseren Köpfen umherschwirren und uns gegenseitig zu unterstützen und zu inspirieren. Wir können nämlich auch in Bezug auf unsere eigenen, fachspezifischen Fragen und Probleme viel mehr von Kommilitonen lernen, als wir oft annehmen. Denn die vermeintlich so verschiedenen Fachbereiche der Geistes-, Sozial-, Ingenieurs- und Naturwissenschaften haben viele gemeinsame Grundlagen, die leicht übersehen werden.

          Jede wissenschaftliche Forschung befasst sich mit Fragen, auf die selten eine leichte Antwort gefunden wird. Es wird mikroskopiert und analysiert, modelliert und programmiert, diskutiert, verworfen und von neuem begonnen. Zwar unterscheiden sich die konkreten Tätigkeiten, aber die Bestrebungen, die dahinterstehen, und die Begriffe, die verwendet werden, ähneln sich.

          Plattformen zur Vernetzung

          Zu denken, es genüge, sich die gesamte Studienzeit im Rahmen des eigenen Studienfachs zu bewegen, ist deshalb bedauerlich und trügerisch. Denn was passieren kann, wenn die Entstehungsgeschichte und Veränderlichkeit von wissenschaftlichen Begriffen nicht berücksichtigt und der eigene Untersuchungsgegenstand aus einer zu engen Perspektive betrachtet wird, zeigen zahlreiche Beispiele in der Geschichte der Wissenschaften.

          Ein prägnantes ist die Verwendung des Begriffs „Kraft“. Seit der Antike gebräuchlich, bezeichnet er zunächst die ­körperliche oder geistige Eigenschaft eines Trägers, eine Wirkung oder Veränderung hervorzurufen. Dieser Träger kann vielseitig sein, etwa ein Lebewesen, ein Gegenstand oder ein metaphysisches Gebilde. „Kraft“ wird aber auch als Synonym für Energie, Stärke und Macht verwendet. Das Wort ist allerdings in so vielen Fachdisziplinen gebräuchlich, dass jeder, der es verwendet, leicht Gefahr läuft, sich unpräzise auszudrücken und andere Gebrauchsweisen zu missachten.

          Das Problem mit dem Begriff hat Friedrich Engels in seiner „Dialektik der Natur“ anschaulich illustriert, in der er den unreflektierten Umgang der Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts mit dem Wort „Kraft“ kritisiert. So schreibt er: „Die Vorstellung von Kraft ist […] der Betätigung des menschlichen Organismus innerhalb seiner Umgebung entlehnt. Wir sprechen von der Muskelkraft, von der Hebungskraft der Arme, von der Sprungkraft der Beine, von der Verdauungskraft des Magens und Darmkanals, von der Empfindungskraft der Nerven, der Ausscheidungskraft der Drüsen usw. Mit anderen Worten, um uns die Angabe der wirklichen Ursache einer durch eine Funktion unsres Organismus herbeigeführten Veränderung zu ersparen, schieben wir eine fiktive Ursache unter, eine der Veränderung entsprechende sog. Kraft. Diese bequeme Methode übertragen wir dann auch auf die Außenwelt und erfinden damit ebensoviel Kräfte, wie es verschiedne Erscheinungen gibt.“

          Unser „Blogseminar“ heißt jetzt „Uni live“

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          Hinter Begriffen wie „Kraft“ stehen häufig ganze Theoriegebilde, die wir streng genommen kennen sollten, wenn wir nicht den bequemen Weg gehen wollen, den Engels beschrieben hat, indem wir Begriffe schlichtweg für unsere Zwecke umdeuten. Zugleich können wir aber unmöglich alles lesen und lernen, das mit unserem Forschungsgegenstand in irgendeiner Weise zusammenhängt.

          Aber glücklicherweise sind wir in der Wissenschaft nicht alleine mit unseren Fragen. Die ursprüngliche Idee der Universität als Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden ist als ein Ort gedacht, an dem wir zusammenfinden, uns austauschen und gegenseitig unterstützen.

          So könnte eine Mathematikerin mit einem Philosophen zusammenkommen, und beide erkennen im Bereich der Logik ihre Gemeinsamkeiten, vielleicht bastelt an anderer Stelle ein Linguist mit einer Informatikerin an einer Spracherkennungssoftware oder ein Physiker diskutiert mit einer Historikerin über die Entwicklung der Luftfahrt. All dies ist auch online machbar, wenn wir bereits bestehende Plattformen nutzen oder neue schaffen, die unseren Bedürfnissen entsprechen. Empfehlenswert sind Netzwerke zum Austausch von Lernmaterialien und Vorlesungsmitschriften wie studydrive.de; auf studentischen Foren wie studis-online.de können Fragen zu allen möglichen fachspezifischen und allgemeinen Themen rund ums Studium diskutiert werden; auf Plattformen wie dem Online-Studentenmagazin studiblog.net kann jeder Student Beiträge einreichen.

          Das digitale Studium kann es erleichtern, räumliche, aber auch gedankliche und fachliche Distanzen zu überbrücken. Dann wirkt das dritte Corona-Semester möglicherweise nicht länger ermüdend, sondern inspirierend.

          Laura Henkel (24 Jahre alt) beendet derzeit ihren Master in Literaturwissenschaft an der Uni Göttingen, sammelt fremdsprachige Lieblingswörter wie andere Leute Briefmarken, leidet an Abibliophobie und fragt sich, wie man die Disziplin, sechs Bücher parallel zu lesen, zum Beruf macht.

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