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Kolumne „Uni live“ : Der Studi von heute ist ein Streber

  • -Aktualisiert am

Lernen, lernen, nur nicht ruhen: Das scheint jetzt das Motto aller Studis zu sein. Bild: picture alliance / ZB

An den Unis geht die Hustle-Culture um. In den sozialen Medien dokumentieren Studenten, wie sie um fünf Uhr aufstehen, joggen, einen Gurken-Spinat-Smoothie trinken und um acht in der Uni sind. Was ist denn da los?

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          Mal vorweg: Ich bin nicht die fleißigste Studentin. Wenn meine Kommilitonen in der Klausurenphase wie emsige Ameisen um acht Uhr in die Bibliothek pilgern, schlafe ich bis elf. Wenn es in Seminaren freiwillige Zusatztexte gibt, lese ich sie nicht. Und die zwei Fehlstunden, die uns in Seminaren immer krankheitsbedingt zustehen, habe ich bisher immer voll ausgeschöpft – und bin stattdessen Kaffee trinkengegangen. Jetzt ist es raus. Ich entspreche dem Klischee der faulen Stundentin. Und: Ich liebe es!

          Umso befremdlicher finde ich die sogenannte Hustle Culture, die in den Universitäten immer stärker um sich greift und anscheinend dafür sorgt, jeden noch so trägen Faulpelz in die Bibliotheken zu schieben. Doch was soll das für eine neue Kultur sein? Googelt man „Hustle Culture“ findet man zunächst zahlreiche Synonyme: Burnout Culture, Workaholism oder Toxic Productivity sind die Gängigsten. Weiter bedeutet Hustle Culture, dass man seiner Karriere und bestimmten Zielsetzungen alles andere unterordnet und über die körperlichen Belastungsgrenzen hinweg arbeitet. Freizeit, ein soziales Umfeld oder Entspannung scheinen neben dem ganzen Hustlen keinen Platz zu haben.

          Spannend wird es vor allem, wenn man den Hashtag Hustle Culture in den sozialen Medien sucht. Gestoßen bin ich dort auf zahlreiche Videos von jungen Studenten, die diesen Lifestyle absolut erstrebenswert finden und dokumentieren. Um fünf Uhr aufstehen, eine schnelle Runde joggen, danach einen Gurken-Spinat-Smoothie trinken und im Anschluss um acht in der Uni sein, um bis ultimo zu lernen. Klingt nach einem einzigen Albtraum. Und ungesund obendrein. Was bringt es schließlich, wenn man gute Noten in den Abschlussprüfungen hat, aber sich kurz vor dem Nervenzusammenbruch vom Uni-Gelände schleppt? Das kann ein noch so grüner Smoothie dann auch nicht mehr ausgleichen.

          Schoko-Croissant und Vorlesung im Bett

          Was ich noch viel erschreckender finde, ist der Rattenschwanz, der an dieser medial vermittelten Lebenspraxis hängt. Denn was diese Kultur vor allem vermittelt, ist, dass Studenten nur etwas wert sind, wenn sie bis zur Ermüdung lernen. Alle anderen, die ab und an ein Bier zu viel trinken, obwohl sie am nächsten Tag Vorlesungen haben oder sich gar Zeit für Freunde und Freizeit nehmen, sind nach dieser Logik Versager, die es im Leben nie zu etwas bringen werden. Und ich, die sich, ein Schoko-Croissant schmatzend, auch mal Vorlesungen im Bett anschaut, bin demnach die Königin der Versager.

          Als ich schon dachte, es gäbe für uns junge Studenten gar keine Hoffnung mehr, stieß ich in den sozialen Medien auch auf einige kritische Stimmen zur Hustle Culture. Hier wurde vor allem betont, dass es einen gesunden Ausgleich zwischen Lernen und Entspannung geben sollte. Schließlich ist die eigene Gesundheit Ausgangspunkt für Lern-Sessions oder morgendliche Joggingrunden. Es gilt also: „Health before hustle“. Das kann ich unterschreiben. Weitere Beiträge führten an, dass Menschen, so sehr sie vielleicht auch hustlen wollen, ohnehin nur vier bis sechs Stunden am Stück produktiv sein können. Zwölf oder mehr Stunden am Tag zu lernen ist also schlicht illusorisch und überflüssig. Und wahrscheinlich hat es auch seinen Grund, dass ein Tiktok-Video über den Begriff „Quiet Quitting“ (zu Deutsch ungefähr „Dienst nach Vorschrift) vor einigen Wochen viral gegangen ist.

          Seit wann sind wir alle so unglaubliche Streber?

          Doch was ich mich vor allem frage, ist: Wann sind Arbeits- und Lernkapazitäten zum absolut erstrebenswerten, festen Bestandteil einer Studi-Persönlichkeit geworden? Fällt uns wirklich nichts besseres ein, als uns über die Stunden zu definieren, die wir in Bibliotheken oder im stickigen Büro unserer Werkstudentenjobs verbringen? Was ist mit Hobbies geworden, mit unvergesslichen Partys, der verpassten Vorlesung oder der Klausur, die man nur mit 3,0 besteht, weil man am Wochenende vorher auf einem Festival war?

          Ich für meinen Teil bin nach meiner kleinen Online-Recherche zu der Erkenntnis gekommen, dass Studenten wahrscheinlich am besten damit fahren, wenn sie auf die berühmte Goldene Mitte setzen: Ab und an früh aufstehen, in der Bibliothek mit Kommilitonen lernen, immer wieder Pausen einlegen und nebenbei eines nicht vergessen: Den Laptop einfach mal zuklappen und leben.

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