https://www.faz.net/-gyl-ajij7

Kolumne „Uni live“ : Alle Jahre wieder

  • -Aktualisiert am

Raclette zum Jahreswechsel am Familientisch Bild: FAZ Foto Wolfgang Eilmes

Die Weihnachtsferien verbringen viele Studierende zu Hause. Nach gutem Wein, Essen und tiefem Schlaf zwischen den Kuscheltieren im Kinderzimmer, bemerken wir jedes Jahr mehr, wie sich die Verhältnisse von Eltern und Kindern langsam umkehren.

          3 Min.

          Die Weihnachtsfeiertage und die Tage zwischen den Jahren sind für die meisten Studierenden immer auch Elterntage. Für eine kurze Zeit kehren wir zurück. Ok, einige von uns sind eigentlich noch gar nicht wirklich von hier weggekommen. Das ist im Bundesdurchschnitt immerhin etwa ein Viertel der Studierenden und in Städten, in denen man besonders teuer wohnt, ist der Anteil - wenig überraschend - höher. Andere grüßen ihre Familien zu Weihnachten schon seit Jahren per Kurznachricht aus dem peruanischen Hochland oder dem israelischen Kibbuz. Für manche ist das Konzept der Ursprungsfamilie womöglich schon lange gestört, zerbrochen oder nie wirklich existent gewesen. Aber der häufigste Fall scheint doch noch immer die Auszeit zu Hause bei Mama und Papa zu sein.

          Ist die abendliche Familienzusammenführung in nahezu harmonischer Atmosphäre geglückt, legen wir uns etwas früher als sonst in die Betten unserer Jugendzimmer. Die Aufrechterhaltung der Harmonie war uns vielleicht auch wegen des guten Weins, der Salzstangen und des reichhaltigen Festmahls leichter gefallen. Unter der warmen, frisch bezogenen Bettdecke und unter dem leichten Einfluss diverser Alkoholika stellt sich ein vertrautes Gefühl ein.

          Der Raum zwischen den vier Wänden unserer Kindheits- und Jugendzeit hat sich kaum verändert. Es sind dieselben Möbel, unsere etwas gealterten Lieblingskuscheltiere beobachten uns freudig überrascht von ihren angestammten Plätzen aus. Und es riecht sogar wie früher. Das ist irgendwie schön aber auch merkwürdig. Nicht selten scheitern unsere Eltern an der Herausforderung, die Kinderzimmer ihrer ausgezogenen Sprösslinge nach einer angemessenen Übergangszeit umzuwidmen. Es bleiben Kinderzimmer. Dabei ahnen sie es durchaus: Es müsste schon einiges schieflaufen, damit wir zurückkehren.

          Hilfe nehmen, Hilfe geben

          Und so wird es wohl noch ein paar Jahre zu Weihnachten laufen. Einerseits. Andererseits ändert sich die Lage Jahr für Jahr eben doch. Zu Beginn des Studiums sind wir die frisch aus dem Nest geflohenen Küken, die auf dem Weg in die Selbstbestimmung noch ab und zu eine kleine Starthilfe von Mama und Papa in Anspruch nehmen.

          Aber mit der Zeit scheinen wir ganz langsam, fast unmerklich und doch unaufhaltsam auch zu den Unterstützern unserer Eltern zu mutieren. Am Anfang erzählt uns zumeist Papa, wie es läuft im Leben. Später erklären wir ihm, wie es wirklich läuft. Das betrifft natürlich nicht jeden Lebensbereich und wohl fast nie den finanziellen. Unsere Eltern wollen - vermutlich mehr als die ihren es waren - auf der Höhe der Zeit bleiben. Und meistens sind sie es ja auch. Meistens.

          Es gibt einen Bereich der elterlichen Erwartungen, den wir oft fürchten: Die technische Unterstützung zur Bewältigung digitaler Herausforderungen. Manche Mütter oder Väter gehen mit großem Vertrauen in uns davon aus, dass wir jedes Fehlverhalten beliebiger Apps auf ihrem Mobiltelefon beheben können. Meist nur auf der Basis einer mittelmäßig genauen Beschreibung.  Sie sehen es dann als reinen Übergriff, wenn wir um eine vorübergehende Aushändigung des Geräts bitten.

          Wenn das Verhältnis kippt

          Nicht überraschend ist ebenso die elterliche Erkenntnis, dass jetzt auch schon die Kinder eigenes Spezialwissen anhäufen, bei dessen oberflächlichem Vermittlungsversuch nur noch hilflose innere Abwehr erzeugt wird. Bis zum Abitur konnten unsere Eltern noch irgendwie mitreden, auch wenn es nicht die eigene Fachblase betraf. Aber jetzt? Viele Jura-Studierende werden nicht mehrfach versuchen, beim Abendessen das Abstraktions- und das Trennungsprinzip zu erläutern. Auch ein Diskurs über die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik seitens der Physik studierenden Tochter läuft wahrscheinlich ins Leere.

          Selbst im praktischen Alltag kippt gelegentlich das Verhältnis. War es beim Einzug in die erste WG noch die technisch versierte Mama, die die Lampen installierte oder der kulinarisch ambitionierte Papa, der zur allgemeinen Stärkung sogar vegetarische Buletten vorbereitet hatte, brauchen sie nun immer öfter unsere Hilfe. Einfach weil die Hüfte zwickt oder der Rücken streikt. Biologie! Nun bauen wir plötzlich die neue Flurgarderobe auf oder ölen den Terrassenboden. Jetzt sind wir es, die unsere im akademischen Alltag gestählten Fähigkeiten nutzen, um die Anleitung für ein komplexes Haushaltsgerät zu durchsteigen, bei dem sämtliche Funktionen nur über ein zigarettenschachtelgroßes Touch-Bedienfeld gesteuert werden. Damit unsere Eltern Wäsche waschen oder Suppe kochen können.

          Und irgendwie finden wir diese fürsorgliche Rolle gar nicht so übel. Der Kind-Rolle entwachsen, sehen wir uns auf einmal auf Augenhöhe. Oder manchmal sogar schon etwas mehr? Aber machen wir uns nichts vor. Wir werden die Kinder und sie werden unsere Eltern bleiben. Wir werden komplexe juristische oder mathematische Probleme lösen und sie werden sich und uns fragen, ob wir wirklich mitten in der Nacht (etwa 21 Uhr) noch allein auf die Straße müssen. Wir werden an der Lösung der Menschheitsprobleme mittels Kernfusion forschen und sie werden uns vielleicht zum Abschied nach dem sonntäglichen Besuch ein paar Euro-Scheine in die Hand drücken.

          Aber nun möchte ich nicht zugunsten einer möglichst humoristischen Übertreibung ungerecht werden. Die meisten Eltern und die meisten von uns Studierenden sind selbstverständlich ganz anders. Und sollte auch die eine oder andere Facette zutreffen, unsere Eltern werden richtig gute Partner für viele spannende Gesprächsthemen oder Lebensprobleme bleiben und noch werden. Hoffentlich auf Augenhöhe. Schließlich werden wir vielleicht auch irgendwann Eltern sein.

          Lina Kujak (23 Jahre alt) studiert Jura im siebten Semester an der HU Berlin. Beziehungsstatus zum Studienfach: „It's complicated.“ Wüsste gerne, wer 2020 mit Regenschirm und schwarzer Katze unter einer Leiter durchgelaufen ist.

          Weitere Themen

          Davon haben Männer keine Ahnung

          Mami-Freundschaften : Davon haben Männer keine Ahnung

          Wir sind alle Mamis, und dass wir für unsere Kinder kämpfen, verbindet uns mit einem unsichtbaren stählernen Band, von dem Männer überhaupt keine Ahnung haben. Eine Liebeserklärung an die Freundschaften zwischen Müttern um die 50.

          Topmeldungen

          Sinnbild für einen narzisstischen Chef: Michael Douglas als Gordon Gekkoim Film „Wall Street“

          Narzissmus im Job : Wenn der Chef nur sich selbst liebt

          Der Vorgesetzte ist dominant, leicht kränkbar oder cholerisch? Schnell liegt der Verdacht einer Persönlichkeitsstörung in der Luft. Doch schwierige Chefs sind nicht immer gleich Narzissten.
          Muss sich auch Friedrich Merz gegen Markus Söder durchsetzen? Merz und Söder auf dem Parteitag der CDU.

          Merz souverän gewählt : Schon drohen der CDU neue Wunden und Wirren

          Die souveräne Wahl von Friedrich Merz ist ein Zeichen dafür, dass Angela Merkel fast schon vergessen ist. Ausgerechnet ein „Konservativer“ steht für den Wunsch, dass nun etwas Neues, Anderes beginnen möge.
          Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)

          Anleihekäufe : Die EZB bleibt im Krisenmodus

          Die jüngsten Beschlüsse zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank sind rechtlich bedenklich und strategisch äußerst ungeschickt, schreiben die Gastautoren Laus Adam und Hans Peter Grüner.