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Kolumne „Nine to five“ : Das machen Sie doch sonst nie!

Die Figur „Das Chamäleon“ steht in der Prosieben-Show „The Masked Singer“ auf der Bühne. Bild: dpa

Mehr Schein als Sein erwecken – das funktioniert im Büro, wie in der Schule. Wann immer sich „hoher Besuch“ ankündigt.

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          Streng genommen, geht es um Fassaden vor Ruinen, aber das Phänomen der Potemkinschen Dörfer um den Fürsten Potjomkin ist erstens historisch nicht belegt und wird zweitens elastisch zitiert: immer dann, wenn es darum geht, mit mehr Schein als Sein einen positiven Eindruck zu erzeugen, der in Wahrheit weniger gut ist.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Normalerweise ist der Kollege ein Prachtexemplar der Gattung unangenehmer Zeitgenosse, er grüßt grundsätzlich nicht, sein Lieblingswort lautet „Nein“. Aber an diesem trüben Tag ist alles anders. Federnd biegt er ums Eck, wünscht allseits einen guten Morgen. Geht es ihm nicht gut? Die anderen schmunzeln und klären auf: Die Geschäftsleitung hat sich angekündigt, um sich ein Bild davon zu machen, wie die flexiblen Arbeitsmodelle funktionieren. Der Miesmuffel hofft weiter auf drei Tage Homeoffice und agiert flexibel und ausnahmsweise freundlich.

          Sich ein Bild davon zu verschaffen, wie sich der neue Englischlehrer macht, gehört auch zu den Gepflogenheiten der Schuldirektorin. Das Dumme nur: Sie kündigt ihre Unterrichtsbesuche an. So erleben die Schüler eine wundersame Verwandlung. Ihr junger Lehrer, der gut, aber „old school“ und analog unterrichtet, hat an diesem Tag nicht nur seinen Hoodie mit einem gebügelten Hemd vertauscht, sondern eine ausgefeilte Powerpoint-Präsentation hervorgezaubert. Leider hat er die Rechnung ohne Sina gemacht, die nachfragt, warum die Bildchen zum Einsatz kommen: „Das machen Sie doch sonst nie?!“, will sie irritiert wissen. Shit happens. Die chamäleongleichen Verwandlungskünste mancher Zeitgenossen sind erstaunlich.

          Als Sinas Vater das im Kollegenkreis zum Besten gibt, werden Erinnerungen wach. Zum Beispiel an den überehrgeizigen Kollegen, der sich mächtig ins Zeug gelegt hatte, um eine Präsentation vorzubereiten. Dass der Chef kurzfristig seine Konferenzteilnahme abgesagt hatte, war ihm leider entgangen. Top-Performance, lobten die Kollegen.

          In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wechselnde Autoren über den Alltag in Büro und Hochschule.

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