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Knigge für Flüchtlinge : Drei Sekunden Blickkontakt

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Gelebte Kultur

Schon der kurze Blickkontakt gilt in manchen Ländern indes als übergriffig und wird gemieden. Kurse wie zur Business-Etikette seien deshalb für manche Flüchtlinge eine Anregung, über eigene Verhaltensformen angesichts der hiesigen Erwartungen nachzudenken, wie Migrationsforscherin Bradaric sagt. Der Integrationskurs allein kann das nicht leisten, obwohl in seinen neuen Lehrplänen mehr zum Thema Arbeit vorgesehen ist. „Doch der Spracherwerb sowie Politik und Demokratie in Deutschland stehen da im Vordergrund“, schildert Zahnärztin Almawazini. „Das Etikette-Seminar hat sich eher um die gelebte Kultur gedreht, mit praktischen Übungen, wie ich im Beruf den Menschen begegnen und mit ihnen umgehen kann.“

Sich auf fremde soziale Regeln einzulassen gelingt dabei umso besser, je mehr der Austausch dazu im Betriebsalltag nicht als Einbahnstraße verstanden wird, zeigen laufende Untersuchungen. Etwa die des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Die Forscher zeichnen etwa Gesprächssituationen von Geflüchteten im Praktikum auf und haben festgestellt: „Je mehr darauf geachtet wird, dass ein Geflüchteter bei sprachlichen Missverständnissen sein Gesicht wahren kann, desto schneller nimmt er das Gesagte an“, berichtet Sprachforscher Ibrahim Cindark. „So sollte sein Beitrag in einer Kollegenrunde nicht mit dem Satz abgebürstet werden: „Wir reden gerade über etwas anderes. Sondern die Kollegen sollten ihm eine Gesprächsbrücke bauen.“

Das Verständnis für die andere Seite ist umso nötiger, je mehr Neuankömmlinge auf einmal in einem Betrieb beginnen, wie ein Kartuschen-Hersteller in Thüringen erfahren hat. An ihn hat im Jahr 2017 das Zeitarbeitsunternehmen Manpower 60 Geflüchtete vermittelt. „Für eine neue Fertigungsstraße sollten schnell zum Schichtdienst bereite Hilfsarbeiter gefunden werden“, schildert Personaldisponentin Ina Klein. „Doch der Arbeitsmarkt in Jena war dafür wie leergefegt.“ So sind Manpower und der Auftraggeber auf die Flüchtlinge gekommen. „In der Eile haben wir anfangs bloß übersehen, dass alle auf die Zusammenarbeit vorbereitet werden müssen – die Einheimischen in der Belegschaft wie die Flüchtlinge“, berichtet die Personaldisponentin. „Die Masse der neu Hinzugekommenen und die Sprachbarriere machten es schwierig.“

Pünktlichkeit und andere Unklarheiten

Zudem hätten unterschiedliche Auffassungen für Unruhe gesorgt, so zur Pünktlichkeit: zum Beispiel, dass sechs Uhr bedeutet, am Arbeitsplatz zu sein und nicht erst auf dem Hof. „Doch schlimmer war, dass viele Flüchtlinge keine Fragen gestellt haben, wenn ihnen ein Fachbegriff oder eine Anweisung unklar waren“, berichtet Klein.

In zusätzlichen Sprachkursen für die Geflüchteten wurde deshalb auch der Umgang damit und die einzuhaltende Pünktlichkeit genau erklärt. „Für die Einheimischen gab es im Gegenzug ein interkulturelles Training“, schildert sie, „mit dem Ziel, andere Verhaltensweisen zu verstehen.“ Seither hätten beide Seiten mehr Gespür füreinander entwickelt, und es sei harmonischer geworden. Die Geflüchteten trauen sich jetzt eher, beim Schichtleiter zu den Maschinen oder Abläufen nachzufragen. „Sie haben gelernt, dass Fragen stellen hier nicht bedeutet, sich eine Blöße zu geben, sondern erwartet wird und gewünscht ist.“ In Jena entwickeln sich das Verständnis und die Umgangsformen dafür auf beiden Seiten weiter.

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