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Knigge für Flüchtlinge : Drei Sekunden Blickkontakt

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Lächeln erlaubt

Auch Zahra Moradi ist vom Nutzen von Business-Knigge-Kursen überzeugt. Die Doktorandin für Pharmakologie will aus Sorge um ihre Familie in Iran ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. „Mir gefällt an den deutschen Sitten, dass man im Labor nicht immer ernst schauen muss“, sagt sie. Im Gegenteil – ihr Chef habe einmal gesagt, sie sei oft fröhlich, das sei gut fürs Team. Das ist in Iran meist anders, weiß auch Muhamed Nawruzy. „Wer dort dem Chef beweisen will, dass er seine Aufgabe gewissenhaft erfüllt, bleibt eher ernst“, erläutert der Altstipendiat. Er entwirft mittlerweile Wohnungen und Kitas in Düsseldorf in seinen zwei Anerkennungsjahren zum Architekten.

Nicht nur der rege Austausch mit deutschen Freunden sowie das Training haben ihm geholfen, mit den Kulturunterschieden im Beruf umzugehen. „Auch mein „hochform“-Mentor, ein Architektur-Professor, hat mich darauf vorbereitet, etwa mit Tipps für die Bewerbung“, sagt Nawruzy. „Bei meinem ersten Vorstellungsgespräch wusste ich, dass ich ein Heft und einen Kugelschreiber dabeihaben sollte und mein Interesse am Unternehmen zeige, wenn ich drei Fragen zur Arbeit dort vorbereite.“ Das habe er so aus Iran nicht gekannt.

Schlüssel für die Kommunikation

„Sichere Verhaltensformen sind ein Türöffner, auch für den Arbeitsmarkt“, bemerkt dazu Lejla Bradaric. Als Kind mit der Familie aus Bosnien ins Bergische Land geflohen, führt die Migrationssoziologin und Bildungsreferentin der Otto Benecke Stiftung heute interkulturelle Trainings für zugewanderte Akademiker durch. „Die Geflüchteten brauchen die passenden Schlüssel für die Kommunikation in unserer Gesellschaft“, sagt die Soziologin. „Mit ihnen können sie sich den Zugang zu den Menschen hier erschließen.“ Die Regeln aus der Heimat seien nicht schlecht oder falsch: Es seien nur andere.

Vor dem Gedanken an eine Überlegenheit gegenüber Geflüchteten warnt auch Herbert Brücker, Forschungsleiter des Migrationsbereichs am IAB in Nürnberg. Jährlichen IAB-Befragungen zufolge haben 32 Prozent der Geflüchteten über 18 Jahre einen Abschluss von weiterführenden Schulen – mit vergleichbar langen Schulzeiten wie die deutschen Gymnasien und Fachoberschulen. 11 Prozent haben einen Hochschulabschluss. „Zugleich kommen auch Migranten aus verschiedenen Milieus und kennen unterschiedliche Formen der Höflichkeit“, fügt Brücker hinzu. „Viele zeigen einen starken Willen, im deutschen Alltag zurechtzukommen und sich die Techniken dafür anzueignen.“

Auf solche Techniken hofft auch Mosab Halwani in seinem Bonner Seminar. Denn: Bei seiner Arbeit zum Feldanbau betreut er unter anderem ein Netzwerk für Landwirte. Die Frage nach dem offenen oder geschlossenen Jackett ist in diesem Kontext nicht entscheidend: „Ich möchte wissen, wie ich mit ihnen besser ins Gespräch komme und eine gute Atmosphäre herstellen kann“, sagt er. Knigge-Trainerin Kristin Koschani-Bongers rät, für einen lockeren Gesprächseinstieg Augenfälliges aus der nächsten Umgebung aufzugreifen. Sie empfiehlt den Kursteilnehmern auch, bei der Begrüßung dem Gesprächspartner in die Augen zu schauen. „Drei Sekunden sind optimal. Sonst wird aus dem Anschauen ein Starren.“

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