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Digitale Schule in der Schweiz : Nur kein Neid

  • -Aktualisiert am

Allein: Ein Schweizer Lehrer gibt digitalen Unterricht. Bild: EPA

Schweizer Schulen sind digital besser ausgestattet und doch nicht glücklicher mit dem digitalen Lernen. Unsere Gastautorin weiß, warum das so ist – und appelliert an ihre deutschen Kollegen.

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          Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern lassen sich nicht so einfach auf den 13 Zoll großen Bildschirm eines Laptops übertragen. Auch die eigenen Kinder lösen sich nicht stillschweigend in Luft auf, damit im Wohnzimmer täglich 270 Minuten sinnstiftender, individualisierender Live-Unterricht auf Oberstufenniveau aus dem Ärmel geschüttelt werden können. Wie gelingt also guter Unterricht in der digitalen Corona-Zeit?

          „Ein Unterricht, in dem nur die Schüler profitieren und der Lehrer krank wird, ist schlechter Unterricht“, wusste schon Hilbert Meyer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Oldenburg, an dem bis heute kein Referendar im deutschsprachigen Raum im Rahmen seiner Lehrerausbildung vorbeikommt.

          Seit zwei Monaten unterrichten vor der Kamera

          Die meisten von uns Lehrern lieben ihren Beruf, sind analog wie digital bestens ausgebildete „Methodenfuzzis“, sind Coaches, Evaluateure, Erlebnispädagogen, Pflasterkleber, Regisseure, Kuchenbäcker, Visionäre, Lernpsychologen und vieles mehr. Wir machen unsere Arbeit aus Leidenschaft für die heranwachsende Generation, aus Freude am Gedankenaustausch mit Jugendlichen und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch seit zwei Monaten sind wir vor allem eins: Videochat-Zombies.

          In der Theorie haben wir uns das flexible Homeoffice samt häuslicher Beschulung der eigenen Kinder vor ein paar Monaten noch ganz anders vorgestellt – nämlich als harmonische Wolke aus selbsterklärenden Lernmaterialien zum Anfassen, instagramtauglichen Grundschulkindern, die ihre gut sortierten Federmäppchen auf gebügelten Picknickdecken ausbreiten, und Schülern, die sich nun ihre Zeit frei einteilen können und daher an Qualität kaum zu übertreffende Lernprodukte kreieren, die uns endlich zeigen, dass der noch aus dem 19. Jahrhundert stammende Unterricht im Klassenzimmer ausgedient hat. Doch binnen zwei Lockdown-Monaten hat uns die Realität nicht nur eingeholt, sondern überholt.

          Während meine Schweizer Kollegen und ich Mitte März noch mit leicht spöttischem Blick auf Schulen in den Nachbarländern geschaut haben, an denen die nahtlose Umstellung des Präsenz- auf den Online-Unterricht wegen fehlender Abonnements von Online-Tools sowie mangelnder Hardware-Ausstattung nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten abgelaufen ist, so ergreift mich heute oftmals gegenüber unseren analogen Kolleginnen und Kollegen, die ihren Stoff mit zeitlich asynchronen Lernaufträgen durchbringen können, der Neid.

          Seit zwei Monaten werfe ich frühmorgens das erste gebügelte Hemd über die Zoom-Couture-Leggings von gestern, während ich dabei zuhöre, wie die eigenen Kinder noch im Bett ermitteln, ob heute immer noch „Coronaferien“ sind, wie sie die Zeit seit Freitag, dem 13. liebevoll nennen. Zehn Minuten nervöse Rückenyogaübungen auf Youtube, dann kommt auch schon die erste von im Tagesverlauf vier E-Mails mit Aufgaben für die eigenen Kinder seitlich in den Bildschirm eingeflogen. Das hieß in meinem Fall: mechanisch Silben klatschen, Oster- und Muttertagsverse auf Sprachmemos leiern oder die von Pinterest inspirierten Drillaufgabenstellungen als Mutter selbst zu erledigen. Kurz darauf galt es, die längste im Netz verfügbare Räuber-Hotzenplotz-Playlist (ganze sechs Stunden und 46 Minuten!) im Kinderzimmer erklingen lassen, noch kurz vor Anschalten der Microsoft-Teams-Kamera den Lippenstift auftragen und los geht’s.

          Keine Zeit für solche Fragen

          Mit einem fröhlichen „Guten Morgen zusammen, wie geht es euch?“, begrüße ich meine Schüler fast wie sonst im Klassenzimmer – so ziemlich das letzte Unterrichtsüberbleibsel aus der guten alten Zeit. Schon nach fünf Minuten Rauschen und knackenden Leitungen höre ich die eigene Stimme nur mehr mechanisch, fast fremd, hallen: „Kabale und Liebe, vierter Akt, siebte Szene“. Stille. Warten und abschätzen, ob nun wohl alle 24 Chat-Teilnehmer in ihren Kinderzimmern auf derselben Seite des gelben Reclam-Heftchens angekommen sind. Ich frage freundlich nach, erhalte keine Antwort, sehe aber einen „Daumen hoch“ im Gruppen-Chat im Hintergrund blinken. Reicht. Luise Millerin tritt schüchtern hinein.

          Hufeklappern, Pferdetraben – „Moment, ich bin gleich wieder da!“ ins Mikrofon rufen, es augenblicklich auf stumm schalten und damit beginnen, die 17 Schleich-Pferde einzusammeln, die inzwischen schon in einer doppelten Volte um meine Pantoffeln patrouillieren. In Eile stopfe ich sie den laut wiehernden Kindern in ihre Schlafanzugärmel und fordere sie mit diktatorischen Blicken dazu auf, schleunigst aus „Mamis Unterricht“ zu galoppieren. Dabei versuche ich, die 24 kreisrunden Buchstabenkombinationen auf dem Bildschirm, die mutmaßlich apathisch oder neugierig in die einzigen vier aufgeräumten Quadratmeter meiner Wohnung blicken, möglichst wenig an meinem persönlichen Versagen teilhaben zu lassen, zwei Sechsjährige nicht in Schach halten zu können.

          Nächste Lektion, neues Glück. Die Kinder schreien während der Screencast-Aufnahme aus dem Nebenzimmer nach Fischstäbchen. Die Klasse, die mich bislang nur als klimaschützende Veganerin kennt, scheint jedoch bei der am Vortag bis Mitternacht geplanten Flipped-Classroom-Methode ohnehin bereits abgeschaltet zu haben, ist aber bei genauerem Nachfragen, ob man morgen den Unterricht doch lieber durch Leseaufträge ersetzen soll, wieder ganz Ohr. Ein Arbeitsauftrag scheint spontan unauffindbar zu sein. Hastig tippe ich „Moment, ich hab’s gleich“ und klicke mich durch One-Note, Ilias, One-Drive, Teams und andere Tiefen meiner unerschöpflichen Datenablage. Vergebens. Also rufe ich schnell und autoritär einen Namen in das schwarze Loch und hoffe, dass der genannte Schüler sich auch wirklich in dieser Klasse befindet. Abermals Stille. Wir alle warten, bis sich Tim aus der Liegeposition in seinem Bett wieder in die Senkrechte bewegt hat und endlich im Rausch der Hintergrundgeräusche den ersten Vers aus der Iphigenie vorstammelt. Mit einem dankbaren Nicken reagiere ich nur mehr nonverbal und lächle in den neongrün leuchtenden Punkt über dem Bildschirm hinein. Doch wie klingen Goethes Jamben im Jahr 2020, wenn sie durch den dröhnenden Teams-Kanal gejagt werden? Für solche Fragen ist keine Zeit. Ebenso wenig wie für die 167 eingereichten kreativen Lernjobs von letzter Woche, die noch immer nicht korrigiert sind.

          Ohne kritische Betrachtung nicht weit genug gedacht

          Woran es liegt, dass der nahtlose Übergang vom Präsenz- zum Online-Fernunterricht mit Jugendlichen im Adoleszenzalter trotz der Verfügbarkeit der technischen Mittel beizeiten so wenig gewinnbringend scheint, dazu kursieren gerade in zahlreichen Chat-Kanälen die wildesten Theorien. Während sich die einen sicher sind, dass schlichtweg zu wenig Zeit zur Verfügung stand, um uns gemeinsam auf die Neue Didaktik vorzubereiten, finden andere, dass uns der digitale Live-Unterricht im Gegensatz zu unserer sonstigen lehrerzentrierten Methodik und Pädagogik um Jahrzehnte zurück in den totalitären Frontalunterricht geworfen hat. Und genauso wie das Strahlen in den jugendlich neugierigen Gesichtern aus Datenschutzgründen in diesen Monaten unsichtbar bleibt, ist auch konstruktive Rückmeldung bisher dünn gesät.

          Jedenfalls scheint den meisten von uns Online-Lehrern klar, dass der technisch-neidische Blick deutscher Lehrender beispielsweise nach Norwegen oder in die Schweiz ohne kritische Betrachtung nicht weit genug gedacht ist. Dass die technische Verfügbarkeit eines eigenen multifunktionalen Kommunikationstools sowie eines stets verfügbaren Systemadministrators, nach dem sich gerade viele Eltern sowie nicht zwangsvirtualisierte Lehrende sehnen, nicht ausschlaggebend für nachhaltiges Lernen sind.

          Es ist der Mangel an nonverbalen Zeichen, am Lernen mit allen Sinnen, von Angesicht zu Angesicht und das Fehlen von „echten“ Gesprächen in Gruppen, im Plenum, auf Papier, die den ortsunabhängigen Unterricht so wenig lohnend erscheinen lassen. Und einmal mehr wird deutlich, dass Lernen über Beziehung stattfindet – die eben nicht ohne weiteres über Webcams geführt und mit den eigenen Kindern zu Hause geteilt werden kann. Wir haben die technischen Mittel, nach denen ihr euch sehnt – und es funktioniert trotzdem nicht.

          Die Autorin ist seit zehn Jahren Lehrerin an einem Schweizer Gymnasium und nimmt mir ihren Schülern am Projekt „Jugend schreibt“ der F.A.Z. teil.

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