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Deutsches Schulsystem : Jenseits des Digitalen

  • -Aktualisiert am

Digitale Lehre lernen: Studenten nehmen an einem Seminar für Lehrerfortbildungen mit Miniroboter, interaktiven Tafeln und Lern-Apps teil. Bild: dpa

Die Corona-Krise legt die Schwächen des deutschen Schulsystems frei. Der Rückstand bei der Digitalisierung ist nicht das einzige Problem der Bildungsstätten. Ein Gastbeitrag.

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          Wie sonst nur die Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudien offenbart die Corona-Krise die Schwächen des deutschen Schulsystems. Vordergründig entzündet sich die Kritik an Lernplattformen, die nicht nur von der Generation der „Digital Natives“ als hoffnungslos überholt angesehen werden. Dass es Lehrern und Schülern gegenwärtig nur dann möglich ist, sich digital zu vernetzen, wenn ein Landrat, ein Förderverein oder eine Schulsenatorin frühzeitig für eine zeitgemäße IT-Infrastruktur eintraten, ist der „Bildungsrepublik Deutschland“ unwürdig. Jahrelang haben Bund und Länder um den im vergangenen Jahr verabschiedeten „DigitalPakt Schule“ gerungen – und noch immer ist bislang nur ein Bruchteil der rund 5,5 Milliarden Euro abgerufen. Nur jede dritte Schule verfügt über W-Lan. Und gerade einmal jede zweite Schulleitung fühlt sich gut informiert, wenn es darum geht, die Gelder des Digitalpakts zu beantragen. Zudem können die Schulen nicht frei entscheiden, wofür sie das zugewiesene Geld verausgaben. Liegt der beschlossene Förderschwerpunkt auf IT-Infrastruktur, darf die Schule zwar Kabel verlegen lassen – nicht aber Tablets anschaffen.

          Wenn Deutschland den digitalen Rückstand im Bereich Bildung in den kommenden Monaten ausgleichen soll, dürfen jedoch nicht nur technische Aspekte Berücksichtigung finden: Erstens sollte die Digitalisierung der jugendlichen Lebenswelten nicht zum Maßstab für die Digitalisierung der Bildungswelten erklärt werden, denn weder zieht es alle Lernenden ins Silicon Valley, noch liegen die Defizite der heutigen Schülergeneration allein in fehlender digitaler Kompetenz. Zweitens sollten uns die fehlenden Investitionen in Hard- und Software nicht vergessen lassen, dass sich die Ausstattungsprobleme unserer Schulen in undichten Dächern und zugigen Fenstern ebenso materialisieren wie in einem unzureichenden Personalschlüssel. Drittens muss sich die Kultusministerkonferenz zügig darauf verständigen, mit welchem Regelwerk den Marketingaktivitäten von Amazon, Apple, Google, Microsoft und Samsung begegnet werden kann. Und schließlich müssen die technischen Neuerungen von Fort- und Weiterbildungen für Lehrkräfte begleitet werden.

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