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Wie werden Schüler zu Lesern? : „Der Flow könnte entscheidend sein“

Der „Flow“ beim Lesen ist nicht so leicht zu haben, wie der in einer Sportart, doch seine Herbeiführung kann sich in besonderem Maße lohnen. Bild: Picture-Alliance

Lässt sich die „Flow“-Theorie aufs Lesen übertragen – und was ließe sich von ihr für die Motivation von Jugendlichen lernen? Interview mit der Psychologin Birte Thissen über Voraussetzungen der Leselust.

          8 Min.

          Sie haben in Ihrer Dissertation untersucht, unter welchen Bedingungen beim Lesen ein „Flow“ entsteht. Was ist „Flow“ – viele kennen den Begriff eher aus der Musik – und wie macht er sich beim Lesen bemerkbar?

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Birte Thissen: „Flow“ ist ein Begriff aus der positiven Psychologie, dem Teil dieser Wissenschaft also, der sich mit dem normalen, gesunden Erleben von Menschen befasst. Die positive Psychologie stellt Fragen wie: Was macht unser Leben schöner und besser? Das Flow-Konzept bezieht sich, kurz gesagt, auf das positive Erleben bei der Ausübung von Tätigkeiten. Flow ist das, was man empfindet, wenn man komplett in einer Tätigkeit aufgeht. Es gibt neun Komponenten, die beim Flow eine Rolle spielen. Diese beziehen sich zum einen auf „starke Konzentration“ oder „Absorption“ und äußern sich in einem starken Fokussieren der Aufmerksamkeit: Ich vergesse meine Umgebung, verliere mein Zeitgefühl und mein Ich-Bewusstsein.Andere Komponeten des Flow haben mit der sogenannten „Verarbeitungsflüssigkeit“ zu tun. Im Flow hat man das Gefühl, klare Zielvorstellungen und alles unter Kontrolle zu haben. Intuitiv weiß man, was man zu tun hat und muss nicht über seinen nächsten Schritt nachdenken. Das ist wie beim Ping-Pong, wenn ich den nächsten Ball sehe und schon genau weiß, wie ich den Schläger halten muss. In dieser Situation habe ich das Gefühl, dass mich die Aktivität weder über- noch unterfordert. Die übrigen Flow-Komponenten beziehen sich auf „die Freude am Tun“: Kommt eine Motivation aus mir selbst heraus, ist meine Motivation intrinsisch, oder spielen Belohnung oder Strafe eine Rolle? Flow ist der Zustand der akuten intrinsischen Motivation: Ich mache etwas, weil es mir Spaß macht; es ist mir egal, ob mich jemand dafür belohnt oder bestraft.

          Viele Komponenten kann man leicht aufs Lesen beziehen, außer der Ping-Pong-Komponente vielleicht. Was sollte dieser beim Lesen entsprechen?

          Das Besondere beim Lesen ist, dass es eine rein mentale Tätigkeit ist. Ich stelle mir die Entsprechung zum Ping-Pong so vor: Meine eigentliche Aktivität beim Lesen besteht nicht in der Dekodierung von Buchstaben, sondern es geht um das Konstruieren eines mentalen Modells. Dieses Modell beinhaltet meine mentalen Repräsentationen von Figuren, Geschehnissen und Schauplätzen der Geschichte im Buch. Der Text gibt mir hierzu Informationen, das ist die eine Seite, quasi der Ball beim Ping-Pong; ich muss sie aber auch verarbeiten können, den Ball also richtig schlagen und dafür brauche ich die passenden sogenannten kognitiven Schemata – Leitfäden, die ich durch Lernen und Erfahrung erworben habe. Wenn beispielsweise in einem Krimi von einem Gärtner mit blutigen Händen die Rede ist, ist es vorteilhaft zu wissen, dass blutige Hände oft für einen Mord sprechen, und der Gärtner häufig als Täter in Frage kommt. Je flüssiger es mir gelingt, Informationen aus dem Text mithilfe meiner kognitiven Schemata in einem kohärenten mentalen Modell zusammenzubauen, desto eher komme ich beim Lesen in den Flow.

          Was finden Sie nützlich am Flow-Begriff?

          Ich finde nützlich, dass er so anschaulich ist. Man kennt ihn ja schon aus anderen Bereichen, aus der Musik zum Beispiel. Und das ist das Schöne an dem Begriff, man kann ihn auch auf PC-Spiele, auf Sport oder die Arbeit übertragen. Aus diesen Bereichen gibt es schon viele Untersuchungen zum Flow. Es geht dabei immer um denselben Mechanismus – den, der für Motivation sorgt und einen antreibt.

          Wie haben Sie Flow beim Lesen gemessen?

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