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Analphabetismus in Deutschland : Buchstäblich abgehängt

Wenn die Buchstaben sich nicht zu langen Sätzen fügen wollen: Wer nicht lesen kann, steht dauernd vor Hürden. Bild: dpa

Für Betroffene ist das Leben ein täglicher Spießrutenlauf und der Alltag oft mit Scham besetzt: Warum kommt die Bekämpfung des funktionalen Analphabetismus nicht voran?

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          Die Adresse ist hübsch, das Gebäude hält ihr nicht ganz stand: Im Vogelsgesang 4, im Frankfurter Stadtteil Hausen gelegen. Ein unspektakuläres Mischgebiet. Wer den Weg hierher nimmt, kommt nicht wegen der Verlockungen der Großstadt, der hat andere, existentielle Sorgen. „Lese-Schreibservice“ steht an der Eingangstür, im zweiten Stock finden sich die dazugehörigen Räumlichkeiten der Lehrerkooperative des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB). Ein kleiner Wartebereich mit einem blubbernden Trinkwasserspender, dahinter das verglaste Büro der Leiterin, zur Rechten schlichte Klassenräume, die schon bessere Zeiten gesehen haben.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Wer hierherkommt, braucht Mut. Denn er räumt ein, dass er nicht so gut lesen oder schreiben kann, als dass es den „gesellschaftlichen Anforderungen“ entspräche. So war es in der einflussreichen Leo-Studie zu lesen, die an der Universität Hamburg im Jahr 2010/11 entstanden ist. Funktionale Analphabeten können nicht nichts. Sie lesen einzelne Wörter und Sätze, längere zusammenhängende Texte schaffen sie nicht. Man braucht wenig Einfühlungsvermögen, um zu ermessen, wie fundamental dieser Mangel ist. Schon die Anmeldung eines Kindes im Kindergarten geht heute online und bedarf einer Navigationskompetenz, die über das Entziffern von Anzeigentafeln im Bus- oder Zugverkehr weit hinausgeht.

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