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Jürgen Kaube (kau)

Verschobene Prüfungen : Warum Abitur?

  • -Aktualisiert am

Die Fähigkeit, im Abitur Gretchen von Helena zu unterscheiden, wird im Jahr 2020 auf eine harte Probe gestellt. Bild: dpa

Immer mehr Bundesländer verschieben die schriftlichen Prüfungen zur allgemeinen Hochschulreife. Ist das Abitur ein absolut notwendiger Sozialkontakt?

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          Die Bundesländer sind uneins über die Abiturprüfungen. Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und andere verschieben sie. Berlin überlässt es den Schulen, jetzt oder Ende April zu prüfen. Die Termine sind dabei Symbole der Hoffnung, bis dahin habe sich die Lage entspannt. Hessen und Rheinland-Pfalz hingegen haben schon begonnen. Dagegen protestieren Schüler wie Lehrer: Ist, wer über Sinus und Cosinus hustet, dann sofort herauszuwinken? Einerseits sollen die Lehrer zu Hause bleiben, andererseits als Aufsicht verstärkt eingesetzt werden. Was auf die Frage hinausläuft, ob die Abiturprüfung ein absolut notwendiger Sozialkontakt ist.

          Immerhin sind die unterschiedlichen Leistungsstände der Schüler längst erhoben. Was also wäre falsch daran, wenn der Krisenjahrgang gar keine Punkte mehr durch den letzten Stresstest erlangen könnte? Man muss die Frage nur stellen, um einen doppelten Aufschrei zu hören. Den einen wäre die Vorstellung eines nicht endgeprüften Jahrganges unerträglich, weil sie mit dem Abitur, ja was eigentlich verbinden? Die Wahrheit über zwölf bis dreizehn Jahre? Die anderen würden sich über Ungerechtigkeit empören. Doch Eltern und Schüler, die den Verlust der letzten Chance auf jene Eins vor dem Komma befürchteten, die womöglich zum gewünschten Studium berechtigt, ließen sich vielleicht beruhigen. Die Absolventen könnten universitären Eingangsprüfungen unterzogen werden. Das beseitigte auch die Unwucht der bislang gewährten gleichen Zugangschancen bei ungleich erworbenen Noten.

          Sinnvoll wären Eingangsprüfungen auch, weil sich längst herumgesprochen hat, dass Abiturnoten nur begrenzt informativ sind. Überall an den Hochschulen wird schon seit Jahrzehnten immer mehr Schulstoff der Klassen 8 bis 13 nachgeholt. Die Abschlussnote signalisiert zumeist Fleiß und einen Sinn fürs Verlangte. Das ist nicht nichts, aber etwas, das schon lange vor der letzten Prüfung dokumentiert ist. Man sollte die Fähigkeit, unter Zeitdruck den Zitronensäurezyklus richtig wiederzugeben und Gretchen von Helena zu unterscheiden, so schön sie ist, nicht überbewerten.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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