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Unterschätzte Muttersprache : Der Grammatikunterricht endet nie

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Schon die frühen Universitäten waren durch den Grammatikunterricht geprägt: Lektionen in Logik und Grammatik aus dem „Spiegel des menschlichen Lebens“ von 1479 Bild: Picture-Alliance

Niemand kommt auf die Idee, in der Schule grundlegende Satzmuster der eigenen Muttersprache einzuüben. Doch das wäre sinnvoll. Die Fähigkeit, komplexere Aussagen zu verstehen, ist sehr unterschiedlich verteilt.

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          Wenn grammatische Defizite zum Thema werden, geht es meistens um mangelhafte Fremdsprachenkenntnisse. Niemand kommt auf die Idee, mit seinen Sprösslingen die Deklinationen oder Wortstellungsregeln der Muttersprache einzuüben. Dieser Glaube an die Grammatik als Selbstläufer passt zu der linguistischen Lehrmeinung, dass allen Sprachen der Welt eine gemeinsame Universalgrammatik zugrunde liegt, die man sich als ein im Gehirn verankertes Betriebssystem vorzustellen hat. Nach dieser Theorie, deren prominentester Vertreter Noam Chomsky ist, lernt ein Kleinkind seine Muttersprache nahezu automatisch, indem die Wörter und Sätze, die es tagtäglich hört, einige der Funktionen aktivieren, die dieses System bereithält. Andere Funktionen, die nicht zu dieser Sprache passen, werden stillgelegt, so dass im Kopf eine deutsche, russische oder arabische Grammatik heranreift. Dank dieser neurobiologisch basierten Sprachfähigkeit sollen alle Menschen ohne kognitive Defizite in ihrer Muttersprache über dieselbe grammatische Kompetenz verfügen.

          Lehrer hatten angesichts ihrer Erfahrungen in den Klassenzimmern allerdings schon immer Zweifel an dieser Theorie. Die werden bestätigt durch Forschungen der Sprachwissenschaftlerin Ewa Dąbrowska von der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie stellte fest, dass es zwischen Muttersprachlern beträchtliche Unterschiede in der grammatischen Kompetenz gibt. Dabei geht es nicht um ausgefeilte Konstruktionen, sondern um grundlegende Satzmuster, mit denen viele Sprecher Probleme haben. Zwar hat Ewa Dąbrowska, die bis vor kurzem in Großbritannien lehrte, die meisten ihrer Studien mit englischen Muttersprachlern gemacht. Aber die Linguistin ist überzeugt, dass die Ergebnisse ihrer gerade anlaufenden Untersuchungen zum Deutschen sehr ähnlich ausfallen werden.

          In ihren Tests arbeiten sie und ihr Team mit Muttersprachlern, die mit ihren Bildungsabschlüssen einen Querschnitt der Bevölkerung repräsentieren. Jeder Proband bekommt eine Reihe von Sätzen vorgelegt und soll für jeden Satz aus mehreren Bildern dasjenige auswählen, das die Bedeutung des Satzes korrekt wiedergibt. Die Versuche zeigten, dass etliche Testpersonen Schwierigkeiten hatten, Sätzen wie „Jeder Apfel liegt in einer Schüssel“, „Es war der Mann, der das Kind fütterte“ oder „Der Löffel in der Tasse ist rot“ das korrekte Bild zuzuordnen. Die Quote lag, je nach Konstruktion, zwischen zehn und vierzig Prozent.

          Vier Faktoren unter der Lupe

          In einem anderen Test mit mehrheitlich bildungsfernen Probanden kam ein Drittel auch mit kurzen Passivsätzen („Das Kind wird von dem Mann gefüttert“) nicht zurecht. Solche Sätze gehören zwar zur Alltagssprache. Trotzdem bereitet es etlichen Sprechern Mühe, Wortstellung und Logik von Konstruktionen zu entschlüsseln, die vom Schema des einfachen aktiven Aussagesatzes abweichen, oder zu erkennen, worauf genau sich Mengenangaben wie „jeder“ beziehen. Zusammen mit der grammatischen Kompetenz wurden auch der Umfang des Wortschatzes und die Kenntnis alltäglicher Redewendungen untersucht – mit ganz ähnlichen Ergebnissen.

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