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Unterricht der Zukunft : „Digitalisierung ist kein pädagogisches Konzept“

Tablets stapeln sich zunehmend in deutschen Schulen – und bringen neue Probleme. Bild: Picture-Alliance

In der Corona-Krise hat die Digitalisierung der Schulen Fahrt aufgenommen. Der Medientheoretiker Ralf Lankau findet, sie greife zu kurz und werde zu einer Kostenexplosion führen. Im Interview fordert er ein Umdenken.

          9 Min.

          Sie haben in zahlreichen F.A.Z.-Artikeln Kritik an der Digital-Euphorie an Schulen und Hochschulen geübt. Hat sich Ihre Haltung durch die Corona-Krise verändert?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Ralf Lankau: Meine Position hat sich eher geschärft, weil sich die Kritik an bestimmten Formaten bestätigt hat. Ich habe selbst auch im Sommersemester online unterrichtet, in Video-Konferenzen, und es hat sich herausgestellt, dass das viel mit Instruktion und wenig mit Diskurs oder Dialog zu tun hatte. In den Schulen sah es noch schlechter aus, weil viele mangelhaft ausgestattet waren. Das Problem dabei ist: Schulen wurden bislang für den Präsenzunterricht digital ausgestattet. Wenn also die Gelder für den „Digitalpakt Schule“ schon vor der Pandemie vollständig abgerufen und in eine bessere Ausstattung der Schulen investiert worden wären, hätte es in der Pandemie nichts geholfen. Es hätte eine funktionierende Infrastruktur in der Schule gegeben, aber keine Schüler. Das heißt: Der „Digitalpakt Schule“ muss angepasst werden im Hinblick auf eine Mischung aus Distanz- und Präsenzunterricht, wobei Präsenzunterricht das Ziel sein sollte. Lernen im Klassenverband mit Lehrkräften hat eine ganz andere Qualität. Man braucht den Dialog, man braucht das Sozialgefüge, man braucht den „Schutzraum Schule“.

          Das Bundesbildungsministerium hat jetzt eine digitale Bildungsoffensive angekündigt – wobei der Begriff nicht neu ist, schon seit 2016 ist er im Gebrauch des Ministeriums. Wie beurteilen Sie diese neue corona-getriebene Aufbruchstimmung?

          Ich halte das für den falschen Ansatz, weil wieder nur auf die Technik geschaut wird. Es wird nicht hinterfragt, welche soziale Aufgabe die Schule eigentlich hat. Was passiert, wenn der Sozialraum Schule ein weiteres Mal wegfällt, was können Schulleiter, Kollegien und die Ministerien tun, wenn tatsächlich wieder Schulen geschlossen werden müssen – gruppen- oder klassenweise? Das bleibt offen. Wie können wir die Betreuung oder den persönlichen Kontakt zu Schülerinnen und Schülern in der Distanz aufrecht erhalten?

          Welche Art von Bildungsoffensive würden Sie sich wünschen?

          Ralf Lankau ist Professor für Mediengestaltung, Digitaldesign und Medientheorie an der Hochschule Offenburg
          Ralf Lankau ist Professor für Mediengestaltung, Digitaldesign und Medientheorie an der Hochschule Offenburg : Bild: privat

          Ich würde mir zum einen wünschen, dass die Schulen deutlich besser ausgestattet werden. Wichtiger noch ist qualifiziertes Personal: Lehrkräfte, Mentoren und Tutoren. Als zweites würde ich mir wünschen, dass die Schulen vor Ort selbst entscheiden können, wofür sie das bereitgestellte Geld ausgeben, ob sie es  in IT stecken oder ob sie vielleicht lieber Psychologen und Sozialarbeiter anstellen und Musikinstrumente oder Bücher anschaffen. Die Hoheit über Inhalte und Methodik liegt ja bei den Schulen.

          Welchen digitalen Unterricht halten Sie überhaupt für sinnvoll? Wo ist er aus Ihrer Sicht eine Bereicherung?

          Lernen mit digitalen Medien bietet sich zunächst an als Vorbereitung auf den Unterricht, etwa mit Skripten, Lehrfilmen, Lernprogrammen. Der offizielle Begriff ist „Flipped Classroom“ und besagt im Grunde: Wenn sich Schüler auf den Unterricht vorbereiten, können sie ihm besser folgen.

          Muss man nicht auch an dieser Stelle schon aufpassen? Bezogen auf den Deutschunterricht zum Beispiel stellt sich die Frage: Lese ich mich in Kafkas Werk ein – oder schaue ich mir einführende Filme an? Wobei selbst die Öffentlich-Rechtlichen Sender ja inzwischen Schul-Inhalte anbieten. Irgendeine Form von Verdrängung ist also unvermeidbar.

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