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Unterricht der Zukunft : „Digitalisierung ist kein pädagogisches Konzept“

Momentan werden die Weichen gestellt für eine sehr stark technische Aufrüstung der Schulen. Diese wird uns aber neue Probleme bescheren, weil IT eigentlich permanent upgedatet werden muss und Lizenzgebühren zu zahlen sind. Es wird ein extremer finanzieller Bedarf aufgebaut, der für die pädagogische Arbeit allenfalls bedingt gewinnbringend ist. Bei den Administratoren-Stellen frage ich mich außerdem, woher sie kommen sollen, sie fehlen ja schon in der Wirtschaft. Das würde bedeuten: Wir können die Erfordernisse der Digitalisierung gar nicht abdecken und müssen uns fragen, ob wir momentan in die richtige Richtung laufen. In solch einer Situation lagert man gerne an externe Provider aus, das entspricht dem Cloud-Konzept, das sich auch in vielen Industrien durchgesetzt hat. Bei diesem Ansatz ist nun vielleicht der technische Betrieb gewährleistet. Die Schulen handeln sich aber neue Probleme ein, solche, die die Datensicherheit betreffen: Wer hat Zugriff auf Schülerdaten, wo werden sie gespeichert, wie kann man sie schützen?

Nun unterstützt der Bund die Schul-Cloud des HPI. Tendenziell spart das Administratoren, außerdem wird Open-Source-Software verwendet. Schülerdaten sollen pseudonymisiert werden. Das klingt doch zunächst einmal gut.

Aus meiner Sicht sollte die IT des 21. Jahrhunderts nicht mehr auf zentralisierte, technisch homogene Strukturen zurückgreifen. Sie sind zu anfällig. Das sagt auch Tim Berners-Lee in seinem „Contract for the Web“. Es gibt nichts Schlimmeres als sensible Daten in einem einheitlichen Betriebssystem, denn ich gelange an sie mit einem einzigen Hack. Gewisse Standardisierungen oder Modul-Systeme sind bei Schulclouds sicher sinnvoll, aber die entsprechenden Einheiten sollten lokal, als Intranet und divers organisiert sein, sie sollten bei einem Provider liegen, als Edge-Computing. Ergänzend könnte man dann auf Ressourcen wie die Bildungsserver der Bundesländer oder andere bundesweite digitale Bibliotheken zurückgreifen. Wenn wir realisieren, wie anfällig digitale Infrastruktur ist – man kann ja täglich die neuesten Hacks bei Golem oder Heise verfolgen –, kann man nur den Schluss daraus ziehen, sich durch geschlossene, dezentralisierte Systeme gegen diese massiven Angriffe zu wappnen.

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Der Pseudonymisierungsansatz, der den Vorteil hätte, dass man auch interaktive Lernsoftware recht unkompliziert bei weitgehender Datensicherheit einsetzen könnte, überzeugt Sie nicht?

„Digitalcourage“ hat kürzlich das Vorhaben der Innenministerkonferenz, die Steuer-Identifikationsnumer als lebenslange Personenkennziffer einzusetzen, an den Pranger gestellt und dafür den Big-Brother-Award vergeben. Die Vorstellung, jeder Mensch habe eine einzige Identifikationsnummer und könne sich damit überall ausweisen, ist ein Paradebeispiel dafür, wie man es in einer stark digitalisierten Gesellschaft nicht machen sollte. Wenn ich über diese eine Nummer verfüge, kann ich damit viele Daten auf einmal abgreifen. Und bei der Pseudonymisierung in der HPI Schul-Cloud verhält es sich ähnlich: Die personenbezogenen Daten werden zwar nach außen hin unkenntlich gemacht, aber innerhalb des Systems, darauf hat Professor Christoph Meinel vom Hasso-Plattner-Institut selbst in einem Blogbeitrag hingewiesen, sind die Klarnamen hinterlegt. Die Pseudonymisierung zurückzuführen auf die Klarnamen ist, wenn ich im System einmal drin bin, relativ einfach. Und es ist nur eine Frage des Aufwands, jedes beliebige System zu hacken. Wir haben also zwei Probleme: Klarnamen sind im System hinterlegt und die Rechner mit den Klarnamen sind ans Netz angeschlossen. Lerndaten sind aber so intim, dass sie besser geschützt werden müssen. Die Systeme müssen daher so konzipiert sein, dass keine Rückschlüsse, keine Repersonalisierung von Schülerdaten möglich sind. Die Forderung dafür lautet Datensparsamkeit.

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