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Klassenzimmer auf dem Meer : Eine Schule ist noch geöffnet

Aufbruch in Curacao Bild: Ocean College

Das „Ocean College“ unterrichtet auf etwas andere Art: Zehntklässler und Lehrer segeln ein halbes Jahr über den Atlantik. Die Heimreise wird nun zu einer besonderen Herausforderung.

          3 Min.

          In Zeiten der Corona-Pandemie sind alle deutschen Schulen geschlossen. Doch das stimmt nicht ganz: In einer findet noch Präsenzunterricht statt. Allerdings nicht in Deutschland, das „Ocean College“ segelt über den Atlantik. „Wir haben noch regulären Unterricht, wenn auch im Sturm und weit weg von zuhause“, berichtet Johan Kegler, Lehrer und Gründer dieser Schule auf dem Meer. An Bord der „Pelican of London“ befinden sich 27 Schüler, die meisten sind Zehntklässler, außerdem fünf Mentoren, drei Lehrer, der Kapitän, drei Offiziere, ein Maschinist, zwei Matrosen, eine Köchin und eine Ärztin. Losgefahren ist man Mitte Oktober von Bordeaux aus, dort wollte man am Ostersonntag auch wieder ankommen. Doch das Schiff kann in Frankreich nicht mehr anlegen, der neue Ankunftshafen ist Cuxhaven.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Als sich die Corona-Krise in Frankreich zuspitzte, wurde klar, dass man den Ankunftsplan ändern musste. Die „Pelican of London“ war da gerade von Bermuda losgefahren, und es stellte sich die drängende Frage, „ob wir auf den Azoren wie geplant Verpflegung und Treibstoff bekommen würden. Da Bermuda sehr teuer ist, hatten wir natürlich mit Reserve für die Atlantiküberquerung eingekauft, nicht aber für mindestens weitere zwei Wochen auf See“, berichtet Kegler. Bis nach Cuxhaven brauchte man unbedingt volle Treibstofftanks. „Hier waren viel Kommunikation mit den Behörden und unsere Kontakte zu Einheimischen vor Ort nötig, um die benötigte Ausrüstung für die Weiterfahrt zu organisieren.“ Die Schüler erfuhren von all dem einen Tag vor der Ankunft auf den Azoren. „Sie waren natürlich zunächst sehr irritiert. Aber wir hatten den Plan für die geänderte Rückfahrt schon entwickelt und den Eltern mitgeteilt.“ 

          Schüler als Crewmitglieder

          Nun segelt das College durch schweres Wetter. „Das ist schon eine sehr große Herausforderung am Ende der Reise, die nicht geplant war“, sagt Kegler. Gleichzeitig habe man wie geplant die „Handovers“ begonnen: Die Schüler schlüpfen in die Rollen der Crewmitglieder, sie übernehmen und führen das Schiff. „Hier bieten sich wiederum tolle Möglichkeiten, weil die Schiffsführung noch einmal herausfordernder geworden ist.“ Herausfordernd sei auch, dass es auf den Azoren keinen Landgang gegeben habe, was also mehr als fünf Wochen am Stück auf dem Schiff bedeute. „Wir sehen das aber durchaus auch als Lernmöglichkeit: Diese Heimreise wird für immer besonders bleiben“, betont Kegler. 

          Auf dem Schiff findet nicht nur klassischer Unterricht statt.

          Jugendliche müssten „in echte Herausforderung und Verantwortung gebracht werden“, die Lerninhalte müssten direkte Bezüge zu ihrer Lebenswirklichkeit haben, ist Kegler überzeugt und stützt sich auf Pädagogen wie Pestalozzi, Kurt Hahn und Maria Montessori. Die Schule müsse ins Leben und das Leben in die Schule geholt werden. Deshalb verlagert Ocean College die Schule für ein halbes Jahr auf den Atlantischen Ozean, wo mehr als 11.000 Seemeilen zurückgelegt werden. „Wir glauben, dass die herkömmliche Schule, die ihren Ursprung zu Beginn des letzten Jahrhunderts hat, nicht mehr ansatzweise auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet“, sagt Kegler. 

          Halbes Jahr für 25.000 Euro

          Theorie und Praxis verbinde man zum Beispiel, indem man auf der Route von Kolumbus in die Karibik segle. Auf einer Kaffeefarm in Costa Rica lerne man bei der Ernte viel über die Zusammenhänge des Welthandels, auf Kuba würden Kommunismus und Kubakrise erlebbar. Im bordeigenen Labor werde der Atlantik zum direkten Übungsgebiet. Beim Berechnen des Kurses nach den Sternen werde Mathematik lebendig. Mit jedem Jugendlichen wird zu Beginn der Reise ein individueller Lern- und Lehrplan erarbeitet. Gleichzeitig gibt es für jeden Schüler eine Dropbox, in die auch Inhalte der Heimatschulen geladen werden können. „Bisher haben es die allermeisten unserer Teilnehmer geschafft, nach der Reise das Schuljahr zu Hause abzuschließen.“ 

          Jeder Schüler muss jeden Tag vier Stunden Wache halten und einen Unterrichtsblock von vier Zeitstunden absolvieren. Täglich trifft man sich zur „Happy Hour“. „Das hat nichts mit Alkohol zu tun, sondern mit Schiffsputzen.“ Es gibt große Segelmanöver und einen rotierenden Küchendienst. Das halbe Jahr in dieser ungewöhnlichen Schule kostet freilich 25.000 Euro. Darin enthalten sind auch Landgänge wie die Besteigung des Teide auf Teneriffa, eine Radtour auf Kuba, ein Surfkurs in Costa Rica und Schnorcheln in der Karibik.

          Erst wenn sich die „Pelican of London“ am Eingang des englischen Kanals befinde, könne man verlässlich sagen, an welchem Tag man in Cuxhaven anlegen werde, sagt Kegler. Man könne es bis Ostersonntag schaffen. „Nach der Ankunft wird es nach Aussage der Bundespolizei keine Schwierigkeiten geben. Wir sind dann ja seit fünf Wochen eine schwimmende Quarantänestation gewesen, wir bringen kein Virus mit.“ Im Oktober soll die Reise aufs Neue beginnen.

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