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Diskussionen auf Twitter & Co : Das anarchische Potential des digitalen Lehrerzimmers

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Der Weg ins digitale Lehrerzimmer – weil im analogen vieles nicht gesagt werden kann. Bild: dpa

In digitalen Lehrerzimmern sprechen Pädagogen all das aus, was sie in Konferenzen lieber verschweigen. Das ist sehr aufschlussreich. Ein Gastbeitrag.

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          Jeder Lehrer hat ein Lehrerzimmer, also einen Raum, in dem er sich in Pausen und Freistunden aufhält, zum Plaudern oder zu Fachgesprächen mit Kollegen, zum Nachbearbeiten seines Unterrichts, zum Korrigieren von Tests in Freistunden, zum Ausruhen. Dieses Lehrerzimmer ist in großen Schulen oft auf mehrere Räume verteilt, heißt dann bisweilen auch Teamraum und ist Infopoint, Kontaktbörse und Materiallager zugleich.

          Neuerdings aber verfügen manche Pädagogen über einen weiteren Heimathafen, in digitaler Form. In der Social-Media-Plattform Instagram hat sich ein #Instalehrerzimmer etabliert, im Unterhaltungsportal Twitter ein ,twitterlehrerzimmer‘ (#twlz). Parallel zu den dienstlichen Beziehungen an einem konkreten Schulstandort werden dort zunehmend Kontakte zwischen pädagogischem Personal aller Couleur und Dienstgrade gepflegt, vielfach anonymisiert, bundesweit. Ich habe mich hundert Tage lang im Sektor Bildung umgesehen.

          Bei Instagram geben die Nutzer (Altersgruppe gefühlt bis 40) mehr oder weniger häufig Statements ab (Posts genannt), die aus einem Bild oder Minivideo sowie einem beliebig langen Kommentar bestehen – oder sie kommentieren Äußerungen anderer. Diese Kommunikation findet in sich überlagernden Teil-Communitys statt: Jeder hat zehn oder tausend User, die ihm folgen – und auch er selbst folgt einigen oder Hunderten. Man nennt sich „hauptfach_mensch“, „gefuehlschaos_mama“ oder „charakterbildung“.

          „Dein Input war wieder mal großartig“

          Hier tummeln sich etwa mitteilsame Referendare und Junglehrer, die begeistert von Sternstunden mit ihren Schülern berichten, aber auch erstaunt über die enormen Belastungen des Lehrberufs klagen. Nicht wenige sind sich einig, dass das Schulsystem (insbesondere die Existenz von Noten) eigentlich unmenschlich sei und dringend grundlegender Reformen bedürfe – Parole etwa: „weniger Fachlichkeit, mehr Menschlichkeit“. Äußerungen auf Instagram sind fast immer freundlich und anteilnehmend, geraten bisweilen auch ein wenig kitschig, kommen nicht selten auch nur per Emoji.

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          Unter diese Stimmen mischen sich regelmäßig professionelle Anbieter vermeintlicher Auswege, etwa kleinere Lehrmittelfirmen. Man stößt aber auch auf selbst ernannte „Schulentwickler“. Sie schüren die düsteren Stimmungen nach Kräften und bieten als Abhilfe eigene, in der Regel nicht zertifizierte „Fortbildungen“ an. Viele Junglehrer sind übrigens selbst Eltern, berichten also auch über ihr Leben mit den eigenen Kindern. Wie traumhaft dieser oder jener Moment im Zusammensein sei. Und wie sehr es anstrenge, alle kindlichen Wünsche zu erfüllen. Der Beobachter hat den Eindruck, wie unter einem Brennglas mitverfolgen zu können, wie da lauter kleine Mittelpünktchen herangezogen werden, wie seelisch verwöhnend die Erziehung gerade auch in reflektierteren Kreisen der Bevölkerung verläuft. Wer hier nicht nur mit „Oh, wie toll!“ oder „Ach, wie schwierig!“ reagiert, sondern Fragezeichen setzt oder gar beraterische Impulse gibt, stößt manchmal auf Interesse, kann aber auch Abwehr ernten. Erziehungsunsicherheit ist offenbar ebenso verbreitet wie ein selbstüberzeugter Zeitgeist.

          Ganz anders geht es auf Twitter zu. Dort „zwitschert“ man, unterhält sich, in kurzer Textform (maximal 280 Zeichen), ergänzt vielleicht durch ein Bild oder Links. Lehrer, Fachleiter oder Schulleiter (Altersgruppe gefühlt ab 30) kommentieren aktuelle Themen – oder werfen Fragen in die Runde. „Wer hat einen Tipp, wie Software XY funktioniert?“ oder „Womit erstellst du diese krassen Grafiken?“ Geselligere wie einsamere Naturen lockern das Gezwitscher durch emotionale Statusberichte auf („dein Input war wieder mal großartig“, „ich bin so fertig nach der Impfung“ etc.). Und auch hier agieren Anbieter der Bildungsindustrie, vor allem die größeren.

          Digitalisierung ist das große Thema

          Bei Twitter ist man ebenfalls informell organisiert, in Follower-Blasen, in denen man sich gegenseitig die Bälle zuspielt – was man toll findet, was unterirdisch. Auch hier bisweilen originelle Namen: „45minuten“, „HerrBock“ oder „Fr. CoSinus“. Einige wollen sich nur berufsspezifisch austauschen, andere wollen indes auch multiplikativ wirken, sprich ihre Sicht vom Pädagogischen verbreiten. Der Umgang miteinander reicht von nüchtern sachlich bis rau. Andersdenkende ernten auch zynische Kommentare, erleben Türstehergehabe oder werden blockiert.

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