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Diskussionen auf Twitter & Co : Das anarchische Potential des digitalen Lehrerzimmers

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Inhaltlich thematisiert ein Großteil der schulischen Twitter-Debatten die Digitalisierung. Man erkundigt sich, informiert über oder bewirbt neueste Tools – sicher für viele gewinnbringend. Allerdings sind Nutzerinteressen und Produktpropaganda oft diffus miteinander verwoben. Die Hamburger Soziologin Annina Förschler sieht eine Art gemischter Dauerberieselung am Werk: Werbung aus dem pädagogisch-industriellen Komplex (Firmen der Digitalwirtschaft), dazu eine Handvoll propagandistischer Akteure („Policy Broker“), die von perfektionierten Anwendungen schwärmen, umringt von einer kleinen Fan-Community, die voneinander begeistert ist und für repräsentativ gehalten werden könnte. Schier ungläubig registriert man in diesen Kreisen etwa, dass Schüler wie Lehrer den gemeinschaftlichen Präsenzunterricht lieber mögen als das vereinzelnde Distanzlernen.

Spezielles ließe sich aus Nordrhein-Westfalen vermelden, zwar seit Jahrzehnten Zuglok mannigfacher Reformen, aber verlässlich unter den PISA-Schlusslichtern. Derzeit müht sich ein Aktivistenkreis namens „Institut für zeitgemäße Prüfungskultur“ dort, neue Lernformen und zeitgemäße Testformate salonfähig zu machen, quasi per Graswurzelbewegung. Denn, so einer ihrer Exponenten, die heraufziehende „Kultur der Digitalität“ tauche „die gesamte Gesellschaft in eine neue Denk-Nährlösung, in der auch solche Begriffe wie ,Lernen‘ und ,Wissen‘ neue Bedeutungen erhalten“. So weit, so überwältigend, so fraglich.

Ein ambivalentes Gesamtbild

Gegen alle Evidenz (nicht zuletzt durch die Metastudie des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie) ist man sich in dieser Bubble dogmatisch einig, dass Unterrichten ganz anders ablaufen müsse als bisher, was eben auch ganz andere Prüfungsformen erfordere. Zeitgemäß prüfen, darunter versteht die Community gerade das Gegenteil von Prüfen: möglichst wenig kontrollieren, beliebige Hilfen zulassen, Zusammenarbeit der Prüflinge ermöglichen sowie Zwischenfeedback von Lehrerseite geben. Ihre Beispiele erweisen sich bei nüchternem Blick zwar als gute Projektaufgaben, sind aber ungeeignet zur Feststellung individueller Lernstände und Leistungsurteile. Schwächere Bundesländer könnten indes daran Gefallen finden, denn natürlich erzielt man durch Kollaboration leicht bessere Noten. Bisher schließt die Rechtslage solche Vermischung von Lernen und Leisten allerdings aus. Nur im pandemiebedingten Ausnahmemodus mag „Prüfung light“ als Notlösung hinnehmbar sein.

Das mag beispielhaft zeigen, wie sich unterhalb der offiziellen Ebene (Kultusministerkonferenz, Länder, Einzelschulgremien) pädagogische Moden etablieren können, die durch Fachliteratur kaum greifbar sind und den Forschungsstand gerne auch mal links liegen lassen. In einer kleinen Truppe ist man sich einig, bewirbt diese viral – und wer inhaltlich Kontra gibt, kriegt einfach eins drüber. Nicht wenigen Schulleitern dürfte kaum bekannt sein, was sich unterhalb dessen abspielt, was sie in ihrem Kollegium zu hören und zu sehen bekommen.

Man lehnt etwa die traditionelle Notengebung ab, ja sieht das Prinzip Bewertung überhaupt als lernbehindernd an. Hier bastelt einer an einem Blog zur „Übergriffigkeit des Lehrervortrags“, dort wirbt eine für die „Schule von morgen“ mittels „kreativer Zerstörung“ oder „disruptiver Bildungsperspektiven“. Und gegen fachliche Curricula schwärmt man allenthalben von neuen Lernzielen, den für das 21. Jahrhundert herausragend bedeutsamen Fähigkeiten zu Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritischem Denken. Dabei sind diese „4 K“ ja nichts Neues, einfach nur die Metaebene des Lernens, die indes fachlich eingelöst werden will. Denn Kreativität etwa fußt aus Sicht der Kognitionsforscherin Elsbeth Stern auf solidem bereichsspezifischem Können – oder sie kommt über Banalität nicht hinaus.

Insgesamt ergibt sich im digitalen Lehrerzimmer ein ambivalentes Bild. Einerseits wächst da eine neue Variante pädagogischer Öffentlichkeit heran, wird ein Austausch von Meinungen und Material breiter und leichter. Andererseits gerät die Beteiligung daran schnell zum Zeitfresser; und Trends kleiner Fanzirkel wirken unversehens scheinrepräsentativ. Das Schneckentempo traditioneller Gremienarbeit mag bisweilen ärgerlich sein. Die digitale Meinungsmache aus diversen Nischen hingegen hat anarchisches Potential.

Der Autor war Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln und Dozent in der Lehrerausbildung.

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