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Studie zum Lehrermangel : Der Rechenfehler der Kultusminister

  • -Aktualisiert am

Verrechnet: Woher kommen plötzlich all die Schüler, die unterrichtet werden wollen? Bild: Picture-Alliance

Völlig überraschend für die Kultusministerkonferenz werden mehr Schüler eingeschult als erwartet. Wie kann das sein? Und wie wirkt sich der Lehrermangel auf den ohnehin schon knappen Unterricht aus?

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          Es herrscht Lehrermangel. Wie kann das sein? Die Kinder schießen nicht wie Pilze nach einem Regen aus dem Boden. Man sieht sie fünf, sechs Jahre lang auf die Schule zuwachsen. Wenn die Lehrerausbildung ebenfalls fünf, sechs Jahre dauert, könnte die Geburtenstatistik die Schulplanung informieren. Gewiss, Ein- und Auswanderung lassen sich nicht genauso verlässlich vorhersehen. Und wo die Kinder zur Grundschule angemeldet werden, unterliegt ebenfalls gewissen Schwankungen. Regionale Engpässe sind insofern zu erwarten.

          Außerdem weiß man nicht vorher, wie viele Kinder schon in der Grundschule eine Klasse wiederholen, was ebenfalls zu einem erhöhten Bedarf an Lehrkräften führt. All diese Ungewissheiten zusammengenommen, bleibt trotzdem die Frage an die Kultusministerkonferenz (KMK): Weshalb unterschreitet ihre Prognose der Schülerzahlen für 2025 um fast 170.000 Kinder diejenige, die man aufgrund der Zahlen des Statistischen Bundesamtes berechnen kann?

          Frühenglisch und Präsentierkompetenz

          Eine Analyse der Bertelsmann-Stiftung hat das soeben getan und herausgefunden, dass beim gegenwärtigen Personalniveau – etwa eine Lehrkraft auf sechzehn Grundschüler – ein Mangel an etwa 11.000 Stellen droht. Das ist wohlgemerkt nur der zusätzliche Bedarf aufgrund der genaueren Zahlen. Die KMK hatte ihrerseits für 2025 einen Lehrermangel im Grundschulbereich von 15.000 Personen ermittelt, der noch hinzukommt.

          Selbst wenn man also für die Jahre nach 2030 wieder einen Rückgang der Schülerzahlen prognostiziert, ergibt sich ein beunruhigendes Bild. Und zwar desto beunruhigender, je mehr man sich von den bloßen Schülerzahlen inhaltlichen Fragen zuwendet. In Deutschland erhalten die Kinder in der Grundschule, was die Stunden angeht, weniger Unterricht als an weiterführenden Schulen. Sie erhalten auch weniger Unterricht als in vielen anderen Ländern. Der Unterricht selbst folgt vielerorts den Dogmen einer Pädagogik und Weiterbildungsindustrie, die Kinder als kleine Erwachsene behandelt, die schon in der Grundschule nicht auf Lesen, Schreiben, Rechnen, sondern auf das Leben in der „globalisierten Welt“ vorbereitet werden sollen – als setzte das eine nicht das andere voraus. Frühenglisch, Präsentierkompetenz, Projektunterricht sorgen dafür, dass viel von der vergleichsweise knapp bemessenen Zeit noch für Dinge draufgeht, die nur den Erwachsenen ein gutes Gewissen machen, aber wenig zum Erwerb elementarer Fähigkeiten beitragen.

          Hinzu kommt das vielerorts drängende Problem, immer mehr Schüler unterrichten zu müssen, die zu Hause wenig sprachliche, kognitive, emotionale Unterstützung beim Lernen finden. Seine Lösung, sofern man überhaupt glaubt, sie liege in der Schule, führt zu weiterem Bedarf an qualifiziertem Personal. Aber nicht einmal darüber, welche Stellen heute besetzt sind und ob es befristete oder unbefristete Besetzungen sind, liegen laut der Bertelsmann-Studie bundesweite Informationen vor. Sie wollen die Schulen digitalisieren und meinen den Unterricht. Sollen sie doch erst einmal, damit er stattfinden kann, mit den Schulverwaltungen und Kultusbehörden anfangen.

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