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Geschlossene Schulen : So funktioniert Distanzlernen nicht

Wenn Eltern und Kinder zuhause bleiben müssen Bild: dpa

Deutschland kann den jahrelangen Vorsprung, den andere Länder in Sachen digitaler Schule haben, nicht in wenigen Monaten aufholen. Doch aus den Erfahrungen des Frühjahrs wurde zu wenig gelernt.

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          Nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch in Berlin, Bayern, Sachsen und Niedersachsen sind kurz nach dem Beginn des Distanzunterrichts als Erstes die Lernplattformen zusammengebrochen. Einige Schulen hatten schon im ersten Lockdown ihre Konsequenzen gezogen und sich der Schulcloud angeschlossen, doch auch die löst nicht alle Probleme. Es gibt viele Lehrer, die wirklich versuchen, Unterricht in den digitalen Klassenraum zu verlegen, die große Anstrengungen unternehmen, die schwierige Phase des Distanzlernens mit pfiffigen Lernangeboten zu unterstützen. Es ist für jüngere und ältere Schüler wichtig, dass Videokonferenzen und Schulstunden morgens angesetzt werden, um dem Tag einen Rahmen zu geben. Bewährt hat sich auch, dass Schüler, die sich nicht einloggen, eigens eingeladen oder angerufen werden.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Aber all das ist mit enormem Zeitaufwand für Lehrer und Schulleitung verbunden. Wer sich klarmacht, dass ein Lehrer bis zu 150 Schüler virtuell unterrichten soll, kann sich ausmalen, welche zusätzliche Arbeitsbelastung es ist, mit einzelnen Schülern noch neben Unterrichtsvorbereitung und Aufgabenkontrolle Kontakt aufzunehmen. Trotzdem brauchen die Schüler die persönliche Zuwendung gerade jetzt mehr denn je. Die Schwachen besonders, aber auch die Leistungsstarken.

          Was noch viel zu kurz kommt, ist das Peer-Learning durch Skype-Gruppen unter Schülern. Wenn diese nicht selbst die Initiative ergreifen, unterbleibt auch diese wirkungsvolle Möglichkeit der Kontaktaufnahme und des gemeinsamen Verstehens, die auch über die Distanz Gemeinsamkeit schaffen kann. Interessierte Schüler sind erfinderisch, sie lösen gemeinsam Quizfragen oder reden einfach miteinander. Die Primarschüler, die ohnehin die Hauptverlierer der Corona-Pandemie in Schulen sind, können all das häufig nicht.

          In weitaus mehr als der Hälfte der Fälle wiederholt sich, was schon im Frühjahr Eltern und Schüler verzweifeln ließ: Sie wurden mit Arbeitsblättern, Aufgaben und Arbeitsaufträgen überhäuft. Nicht immer werden die Ergebnisse der häuslichen Arbeit auch kontrolliert, was selbst motivierte Schüler frustriert. Nicht immer ganz plausibel sind auch die Ersatzkonstruktionen für schriftliche Arbeiten, die Lehrer als Notengrundlage brauchen. Es ist nämlich nicht zu überprüfen, ob sich die lieben Eltern in eigens anzufertigenden Heften verkünstelt haben oder doch die Kinder.

          Ein koordiniertes Vorgehen der Fachlehrer bei der Aufgabenverteilung findet offenbar vielerorts nicht statt, was für viel zu lange Arbeitsphasen und reichlich Streit in den Familien sorgt, die es sich leisten konnten, ihre Kinder beim häuslichen Lernen zu überwachen. Manche Kinder sitzen tagelang in der Wohnung und bekommen zu wenig frische Luft und Bewegung. Alleinerziehende und aushäusige Berufstätige treibt diese Art der Beschulung abermals zur Verzweiflung. Ihre Kinder verlieren nicht selten den Anschluss, und die Elternteile fühlen sich überfordert, weil sie weder ihrer Arbeit noch den Kindern gerecht werden können.

          Es ist keine Frage: Deutschland kann nicht in wenigen Monaten unter Pandemiebedingungen aufholen, was andere Länder wie Dänemark, Estland, Finnland in zehn Jahren aufgebaut haben. Aber es muss wenigstens gelingen, die Lernplattformen vor Überlastung zu schützen. Einige Länder haben mehrere Server zusätzlich gekauft. Aber auch das war nicht immer die Lösung der technischen Probleme. Immerhin ist im Vergleich zur ersten Schulschließung im Frühjahr klarer, welche Kommunikationswege Lehrer einigermaßen datensicher nutzen können, um mit ihren Schülern in Kontakt zu treten.

          Je länger die Schulschließungen dauern, desto dringlicher stellt sich die Frage nach den Abschlüssen. Dass die Gymnasiasten am lautesten klagen, war absehbar. Aber es gibt auch noch andere wichtige Abschlüsse neben dem Abitur, die nicht minder bedroht sind: der mittlere Schulabschluss, der Hauptschulabschluss, Berufsschulabschlüsse. Sie alle sind ebenso wichtig und teilweise noch relevanter für den Einstieg in eine Berufsausbildung.

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