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Realschulen : Stiller Umbau des Kultusministeriums

Gemeinschaftsschulaffin: Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) Bild: dpa

Auch durch die Zusammenlegung von Schulreferaten können Vorentscheidungen für die künftige Ausrichtung der Bildungspolitik gelegt werden – Stuttgart macht es vor.

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          In einer Zeit, in der in einem Jahr eine halbe Million Wärmepumpen installiert werden sollen, wird besonders deutlich, wie wichtig die Realschulen sind. Denn wer soll die Wärmepumpen eigentlich anschließen? Bundesweit gibt es bei Sanitär-, Heizungs- und Klima-Installateuren 68 000 offene Stellen. Der baden-württembergische Fachverband schätzt, dass die 6600 Installationsbetriebe mindestens 10 000 neue Mitarbeiter einstellen würden. Gute Realschüler werden als Auszubildende in Handwerksbetrieben, die Wärmepumpen oder Solaranlagen einbauen, händeringend gesucht. „Fitte junge Menschen“ mit mathematischem Verständnis sowie Spaß und Interesse an technischen Lösungen würden dringend gebraucht, sagt eine Sprecherin des Fachverbands Sanitär, Heizung, Klima. „Handwerkliche Begabung und ein gewisses räumliches Vorstellungsvermögen sind ebenfalls wichtig.“ Der Realschulabschluss werde in dieser Branche auch künftig dominierend sein.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Einerseits ist es der Wunsch des grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck (Grüne), bei der Energiewende gemeinsam mit dem Handwerk voranzukommen. Andererseits tragen die Grünen bildungspolitische Verantwortung. Ein Beispiel dafür, dass sich daraus ein Widerspruch ergibt, ist Baden-Württemberg. Hier ist schon länger fraglich, ob Realschulen politisch gepflegt werden, wie es nötig wäre.

          Die organisierten Realschullehrerinnen und -lehrer beklagen vier Missstände: Ein eigenständiges Referat für diese Schulart gibt es im Kultusministerium in Stuttgart seit Beginn des Jahres nicht mehr. Die Bildungspläne für die Sekundarstufe sind nicht mehr nach Werkreal-, Haupt- und Realschule differenziert. Im neuen Referenzrahmen zur Sicherung der Schulqualität, Ende Mai veröffentlicht, werden Empfehlungen für künftige Verordnungen gemacht, welche die Realschulen pädagogisch noch stärker an die Gemeinschaftsschulen heranführen könnten. Und auch die Lehrerausbildungen für diese Schulformen sind nicht mehr getrennt. Grüne und CDU hatten auch für die zweite grün-schwarze Koalition einen Burgfrieden vereinbart. An den Schulstrukturen will man nichts ändern. Die CDU stellt zwar im Kultusministerium einen Staatssekretär, zu melden hat sie bei strategischen Entscheidungen aber wenig. Die mehr als 300 Gemeinschaftsschulen haben sich vielerorts bewährt; weil nur wenige eine gymnasiale Oberstufe haben, konkurrieren sie mehr mit den Hauptschulen.

          Verbände halten die Reform für misslungen

          Karin Broszat, die Landesvorsitzende des Realschullehrerverbandes, beklagt den schleichenden Wandel hin zur „vereinheitlichten Schullandschaft“: „Wir sehen uns als Aufsteiger- und Mittelschule mit Leistungsanspruch. Förderschule können wir nicht noch gleichzeitig sein. Wenn es so weitergeht, sind wir am Ende auch eine Gemeinschaftsschule.“ Aber das wollten die Realschullehrer nicht. Die Schülerschaft an den Realschulen wird immer heterogener. Ein Fünftel der Realschüler hat heute nur eine Hauptschulempfehlung.

          Mit 209.000 Schülern bilden die 479 Realschulen in Baden-Württemberg die zweitwichtigste Schulart, die 457 Gymnasien unterrichten mit 229.000 Schülern nur geringfügig mehr Schüler. An den von der grün-roten Landesregierung geschaffenen Gemeinschaftsschulen werden derzeit nur 85.000 Schüler unterrichtet. Auch unter Anhängern der Grünen genießt die Realschule eine hohe Wertschätzung. In der politischen Praxis werden die Realschulen aber immer wieder benachteiligt. Nicht bewährt hat sich eine Reform des früheren Kultusministers Andreas Stoch (SPD), der 2015 an Realschulen die Möglichkeit geschaffen hatte, schwachen Schülern auch den Hauptschulabschluss anzubieten. Dazu kam, dass in der Orientierungsstufe (Klasse fünf und sechs) binnendifferenziert auf zwei Niveaus unterrichtet wird: dem G-Niveau, das an der Hauptschule üblich ist, sowie dem M-Niveau, das dem Realschulniveau entspricht. Stoch wollte damit den Niedergang der Hauptschulen beschleunigen, die Realschule für Kinder mit Hauptschulempfehlung attraktiver machen und letztlich dafür sorgen, dass die Gemeinschaftsschulen mehr starke Realschüler bekommen.

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