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Plädoyer eines Lehrers : Feiert Weihnachtsgottesdienste an Schulen!

  • -Aktualisiert am

Weihnachten kann zur Verständigung beitragen – eine Chance! Bild: ZB

Richtig gestaltet kann ein gemeinsames schulisches Fest in einer christlichen Kirche ein wichtiger Akt der Kulturvermittlung sein – und ein Zeichen der Anerkennung anderer Glaubensgemeinschaften. Wie gelingt der Spagat?

          6 Min.

          Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die globale Migration ist längst in den Schulen angekommen – in der Schülerschaft, aber auch in den Kollegien. Das hat zur Folge, dass alte Traditionen neu überdacht werden müssen. Eine Diskussion, die gerade im Advent immer wieder in den Kollegien aufkommt:  Sollen wir an der Schule einen Weihnachtsgottesdienst feiern?

          Meine Antwort: Unbedingt! Ich plädiere für einen christlichen Weihnachtsgottesdienst in einer Kirche, mit Pfarrer. Aber es muss ein Gottesdienst sein, an dem Christen, Muslime, andere Religionsgemeinschaften und auch glaubenslose Kinder teilnehmen können. Viele Schulen veranstalten lieber eine säkulare Weihnachtsfeier in der Aula.

          Das ist schade. Denn die Schule ist ein diskursiver Knotenpunkt. Sie ist der Ort, an dem Haltungen und Werte vermittelt und gelebt werden. Darum ist es auch die Aufgabe der Schule, Möglichkeiten zu finden, wie die Einwanderungsgesellschaft zusammenfinden kann. Ein Weihnachtsgottesdienst eignet sich dafür besonders gut.

          Ein Fest der Gemeinschaft               

          Ich erinnere mich an die verblüfften Gesichter einer 8. Hauptschulklasse, als sie von einer türkischen Schülerin über Weihnachten in der Türkei aufgeklärt wurden. „Noel“, sagte die Schülerin, „ist ein türkisches Wort, es bedeutet `Weihnachten‘.“ Dazu zeigte sie Fotos von Baba Noel, dem türkischen Weihnachtsmann, der in Istanbul vor einem großen Weihnachtsbaum posiert. Ein Mädchen aus den Philippinen stieg ein und erzählte, wie in ihrer Kindheit Weihnachten gefeiert wurde. Aus diesem Referat wurde die Idee für ein Weihnachtsgottesdienstthema geboren: Weihnachten in aller Welt.

          Weihnachten ist ein Fest, das nicht nur von Christen gefeiert wird. An vielen Orten weltweit wird es als Konsum- und Geschenkefest lokal eingebettet. Es wird „glokalisiert“. Wahrscheinlich ist Weihnachten sogar das „glokalste“ aller Feste. Das jedenfalls meint der Anthropologe Daniel Miller. Es sei deshalb weltweit so erfolgreich, weil es eine Feier „der richtigen Werte und der Gemeinschaft“ sei (Daniel Miller: Weihnachten. Das globale Fest. Berlin 2011, S. 29.). Es gehe darum. die Gemeinschaft zu stärken, indem man Liebe durch eine Gabe zeigt.

          In der Theologie ist dieser Gedanke schon früher aufgekommen. Schon im Jahr 2005 forderte der Theologe Heinrich Bieritz  die Christen dazu auf, einzusehen, dass Weihnachten nicht ihnen allein gehört (Karl-Heinrich Bieritz: Wem gehört Weihnachten? Wege und Wandlungen eines Festes. In: entwurf 3/2005, S. 9.). Bieritz ist der Ansicht, Weihnachtsgottesdienste seien gerade aus diesem Grund dazu prädestiniert, sich den „großen Fragen“ nach Leben und Tod oder dem Sinn des Lebens zu widmen. Aber sie sollten sich auch aktuellen Problemen stellen. Der Weihnachtsgottesdienst bietet sich in diesem Sinne als Fest der Gemeinschaft an, als Feier der Werte „Toleranz und Anerkennung“.

          Wenn ein Aspekt schulischer Bildung die Befähigung zur Teilnahme an Kultur sein soll, muss sie die lebendige Begegnung mit verschiedenen Religionen einschließen, um einen Austausch über verschiedene Wertewelten in Gang zu setzen (vgl. Manfred Fuhrmann: Bildung. Europas kulturelle Identität. Stuttgart 2002, S. 36.). Die Ökumene von katholischer und evangelischer Kirche ist heute schon fast selbstverständlich. Aber warum nicht den Imam der benachbarten Moschee beteiligen? Oder den Rabbiner? Das ist nicht immer unproblematisch. Aber gerade deshalb ist es gut, wenn die weltanschaulich neutrale Institution Schule die verschiedenen Religionsgemeinschaften an einen Tisch bringt.

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