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Kommentar zur digitalen Schule : Geräteturnen

Smartphones zum Rechnen nutzen? Laut NRW-Kultusministerin Yvonne Gebauer keine schlechte Idee. Bild: dpa

Ist das Jahr 2018 für die Digitalisierung des Lehrmaterials an deutschen Schulen schon verloren? Geht es nach der NRW-Kultusministerin Yvonne Gebauer, sollen Schüler einfach ihre eigenen Geräte im Unterricht nutzen.

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          Eine FDP-Politikerin beklagt, dass die Bildung der Bundesregierung zu lange gedauert hat. Wie sagt man auf Twitter? Genau mein Humor. Das Jahr 2018, erklärte Yvonne Gebauer, die Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, in der „Rheinischen Post“, sei schon fast verloren. So las man’s am 21. März, 285 Tage vor Jahresende. Verloren wofür? Für die Digitalisierung des Lehrmaterials, die Ausrüstung aller Schulen mit Lesegeräten für jeden Schüler. Die amtliche Statistik weist für das laufende Schuljahr 250.1770 Schüler in Nordrhein-Westfalen aus. Was das kostet? Bei modernen Erziehungsmethoden die falsche Frage. Für Kinder muss Geld da sein! Und für Kinder ist Geld da. Es wird aber gar nicht alles ausgegeben. Der Ministerin ist es ein Rätsel: Von 500 Millionen Euro des Programms „Gute Schule 2020“ haben die Kommunen 2017 nur 223 Millionen angefordert.

          Gegen alle Regeln der Kameralistik (vor Weihnachten schnell noch Büromaterial ordern!) wurde der restliche Batzen ins Jahr 2018 übertragen. Aber Frau Gebauer wird ihr Moos nach wie vor nicht los und verlegt sich schon aufs Betteln: „Ich werbe eindringlich dafür, dass diese Gelder auch zeitnah abgerufen werden.“ Jetzt sind im Jahr 2018 schon wieder 81 Tage verloren, und bei den Oberbürgermeistern von Düsseldorf und Duisburg hapert es immer noch an der Selbstbedienungsmentalität. Wie hilft sich die Ministerin, da die Lieferung der benötigten circa 100.000 Klassensätze Glasschiefertafeln der jüngsten Generation auf sich warten lässt? Wie will sie ohne Spielzeugverteilung die Extrovertikalität der kindlichen Psyche ermutigen? Hefte raus, jetzt lernt ihr was? Nein, diese Devise aus einem tollen Schlager der „Missfits“ aus Oberhausen stammt aus der Steinkohlezeit des nordrhein-westfälischen Schulwesens, der Epoche, als Yvonne Gebauers Vater Schuldezernent in Köln war. In der besten kreativen Tradition des einst von Bundesbildungsminister Jürgen Möllemann geführten FDP-Landesverbands hat Frau Gebauer eine Idee für pfiffige Produktplazierung: „Für eine gewisse Übergangszeit kann ich mir eine Regelung in NRW vorstellen, wonach Schüler ihre eigenen Smartphones und Tablets für den Unterricht nutzen.“ Und nun sage noch einmal jemand, Wahlversprechen würden nie gehalten. Digital first, Bedenken second: Das war kein Spruch, das ist Programm. Retweet und Like vom Parteivorsitzenden sind Frau Gebauer sicher, höchstwahrscheinlich sogar ein von Christian Lindner persönlich mit „CL“ signierter Tweet, die Autogrammkarte 2.0.

          Wir haben unser nordrhein-westfälisches Abitur im Karbon gemacht und dürfen deshalb mit den Bedenken kommen. Warum nur eine Übergangsregelung? Frau Gebauer will auch „die ökonomischen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler verbessern“. Benutzung und Erwerb des eigenen Geräts sind aber die beste Einführung ins Eigentum. Denn weshalb soll das Land Geschenke machen? Und auch noch egalitär? Wie motiviert und stimuliert man Kinder zu explosiver Aktion? Ganz bestimmt nicht nach dem Gießkannenprinzip. Eigeninitiative muss schon bei der Bestückung der Schultasche belohnt werden. Da die schlauen Geräte alle paar Monate veralten, garantiert der freie Markt ein hinreichendes Angebot. Wenn der Wettbewerb um die Entwicklung einer Tauschbörsen-App das kollektivistische Ritual der Klassenarbeit ersetzt, ist nie mehr ein Schultag verlorene Zeit.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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