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Notizen eines Schülers : Zum Zeitgeist des Abiturjahrgangs 2020

  • -Aktualisiert am

Hinein ins Unbekannte: Das Schuljahr 2020 war durch Stille, Leere und viele offene Fragen geprägt Bild: dpa

Mitte März wurde unsere Schule geschlossen, wir wurden nach Hause geschickt. Dann kam die Stille. Eine ungewöhnliche, beängstigende Stille. Wie groß ist die Zäsur, die wir in diesem Abiturjahr erleben?

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          „Ich werde nie begreifen, wie es passieren konnte” – mit diesem Satz der Autorin Rebecca West aus dem Jahr 1936 fasst der Cambridge-Historiker Christopher Clark in seinem epochalen Werk „Die Schlafwandler“ die Logik des Ausbruches des Ersten Weltkrieges zusammen. Durch seine Analyse enormer Mengen an Datenvolumen und Quellen zeigt er, dass die Geschichte eine Unbekannte ist, in die man eintritt, ohne sie zu begreifen: ein schwarzes Loch. Ist das die Logik der Geschichte?

          „Mir selber seltsam fremd“ – so beobachtet sich selbst der zwanzigjährige Willy Peter Reese, als er in den zweiten Weltkrieg einberufen wird: „Wir zogen hinaus ins Niemandsland“.

          Stehen wir gerade vor der nächsten Zäsur der Weltgeschichte, vielleicht an einem Wendepunkt der globalen Zivilisation, die sich nun wieder in viele Bruchstücke zersplittert? Vielleicht sind wir schon über die Zäsur in das Unbekannte eingetreten, ohne es wahrzunehmen.

          ***

          Am zwölften März wurde uns gesagt, dass die Schule wahrscheinlich geschlossen werden wird; einen Monat vorher war es ein kaum vorstellbarer Gedanke. Den Jubel der Fünftklässler hörte man von Weitem. Am Freitag, dem dreizehnten März, kam der stellvertretende Direktor. Seine Rede war knapp, bloß eine Mitteilung. Er klang seltsam sachlich. Wollte man sich mit Sachlichkeit ablenken, sich vor Gefühlen schützen?

          Dann kam die Stille. Eine ungewöhnliche, beängstigende Stille. Die Geschichte läuft. Irgendwo. Man ahnt, dass etwas kommen soll, aber man weiß nicht, was und wann. Man kann sich gegen die Geschichte nicht schützen. In der Stille ist man in erster Linie mit sich selber konfrontiert. Man selbst ist sich selber das schwerste Gegenüber.

          Das Stillsein und die Isolation ist das Erfordernis bei Mönchen, um zu lernen, den Ablenkungen der äußeren Realität zu widerstehen und die Erscheinungsform der ordinären Welt zu transzendieren. So sagen die Mönche. Wir mussten nicht Novizen werden und uns geistigen Exerzitien unterziehen, um uns selbst so wie wir sind – nicht wie wir uns empfinden – zu sehen. Das Eingesperrtsein zu Hause wirkte trotz aller Krücken der virtuellen Realität auf viele von uns desorientierend. Man kann sich selbst nicht entfliehen. Die Masken fallen.

          ***

          Am Anfang war fast niemand draußen. Niemand wusste, was die Sperre ist. Man dachte an Papiere, fast wie in der Kriegszeit, man überlegte, wie man sich vor der Patrouille rechtfertigen soll. Dann kamen die ersten Menschen. Mit der Zeit hat man sich mehr und mehr getraut.

          Der stechend blaue Himmel, flugzeuglos, dominierte das Vakuum. Dieses Jahr gab es viele Störche.

          ***

          Man liest die Nachrichten, man hofft auf die guten, es kommen widersprüchliche, eher erschreckende: man hört ständig die Zahlen der Toten. Die Tage sind durch diese Zahl bestimmt. Die menschliche Natur besitzt eine unglaubliche Kapazität, sich an alles zu gewöhnen, alles zu vergessen, sonst würde man nicht überleben. Die Toten gehören zu ihren Familien und deren Geschichte, man sorgt sich nicht um die Toten der anderen. Tod und Schmerz begleiten die Geschichte und werden durch ihren Lauf unabdingbar zum Teil der Vergangenheit. Die Feier geht weiter. Man muss nur vergessen können.

          ***

          Juni. Ist jetzt alles normal? Oder ist es eine neue Stille – und man hört sie nicht hinter dem Rauschen der Normalität?

          Nein, das Problem ist nicht das Virus, sondern etwas Tieferes und Grundlegenderes, was sich in der pandemiebewölkten Welt zu offenbaren scheint. Man hat „es“ sich anders vorgestellt.

          Befinden wir uns jetzt in einer Art Entropie? Ist dieser Prozess objektiv, unvermeidbar, lässt er sich beeinflussen oder korrigieren?

          Ist es nur eine Krise von vielen, die sich bald zurück in den gewohnten Zustand einpendeln wird – oder ist es eine Zivilisationskrise, die die moderne Weltordnung in Frage stellen wird? In der Krise kann man die Herausforderungen mit üblichen Mitteln bekämpfen, in der Zivilisationskrise gerät das ganze Modell außer Kontrolle.

          In der Retrospektive scheint der 1989 von Francis Fukuyama proklamierte „End of History“ jetzt eher auf das Ende einer Phase der Geschichte oder eine Erschöpfung einer bestimmten Zivilisationsform zu deuten. Für viele in der modernen Welt ist es nicht mehr zweifellos klar, ob das „westliche Modell“ weiter Potential hat oder gar zu erhalten ist. Die Zivilisationskrise ist eine Systemkrise. Wie sind die Chancen?

          Bedeutende Forscher der Zivilisation – Arnold Toynbee, der Historiker, Flinders Petrie, der Ägyptologe, Oswald Spengler, der Philosoph – äußerten sich mit Vorsicht über die Perspektiven des Überlebens einer Zivilisation, die schon in ihre Systemkrise eingetreten ist. Für Toynbee kommt eine solche Krise durch eine äußere Herausforderung, die diese Zivilisation bewältigen muss, anderenfalls wird sie verschwinden. Für Petrie kommt die Krise durch den Zerfall des Ideals der Zivilisation – man versucht, der alten Leitidee zu folgen, sie nachzumachen, doch es herrscht ein „Idealvakuum“. Für Spengler ist die Zivilisationsgeschichte zyklisch, der Niedergang ist damit programmiert und unaufhaltsam: Die Zivilisation, die sich im Zerfall befindet, kann man nicht wiederbeleben.

          Ist die heutige Welt vorhersagbarer geworden oder haben wir einfach die Unmöglichkeit, das Leben vorherzusagen, vergessen und uns von der modernen Illusion der Kontrollierbarkeit der Welt verführen lassen?

          Kann man die heutige Desorientierung in der von der Pandemie eingekreisten Welt des Post-Truth mit der Demokratie angehen, oder wird sich der Totalitarismus als die neue Notwendigkeit des Überlebens durchsetzen? Zwar bestehen im heutigen Deutschland kaum Zweifel, dass die ausbalancierte Demokratie die vorliegenden Probleme am besten lösen kann. In anderen Teilen der Welt ist es aber nicht so eindeutig. 

          ***

          Die letzten zwei Jahre beschäftigte ich mich in unserem wissenschaftspropädeutischem Seminar mit Platon. Ich versuchte, die moderne westliche Welt durch seine Perspektive zu interpretieren. Der Lehrer sagte, wir sollten die Möglichkeit schätzen, größere Fragen stellen zu dürfen: an der Uni müssten wir zu Schmalspurern werden.

          Es war Platon, der als erster grundlegende Bedenken zu der Stabilität der Demokratie äußerte – ein Gedanke, der heute politisch sehr unkorrekt klingt: nach Platon muss die Demokratie in der Tyrannei enden, dieser Prozess sei schon im Wesen der Demokratie einprogrammiert. Man kann das als Warnung nehmen.

          „...das Äußere zu tun in irgend etwas, pflegt immer eine große Hinneigung zum Gegenteil“, so fasst Platon die Logik der Entwicklung einer Zivilisation zusammen. In der Oligarchie ist das Geld zentral und es ist das Geld, die unaufhaltsame Bereicherung, welche die Oligarchie zerstört. In der Demokratie ist die Freiheit zentral, und es ist das Übermaß und die Unersättlichkeit an Freiheit, welche die Demokratie zu ihrem Gegensatz, der Diktatur, führt.

          Platon stellt dieses Paradox eindeutig vor: die Demokratie, deren zentraler Wert die Freiheit ist, hat eine Tendenz, sich in Anarchie und Unregierbarkeit zu verwandeln: „so kommt denn wahrscheinlich die Tyrannei aus keiner anderen Staatsverfassung zustande als aus der Demokratie, aus der übertriebensten Freiheit die strengste und wildeste Knechtschaft”. So schrieb Platon im fünften Jahrhundert vor Christus.

          Wenn die Notwendigkeit des rein physischen Überlebens uns plötzlich offenbar wird, erscheint das unersättliche demokratische Streben nach Freiheit in einem vollkommen neuen Licht: „Am Ende werden sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und zu uns sagen: ‚Macht uns zu euren Sklaven, aber füttert uns‘“ – so schrieb Fjodor Dostojewskij in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“.

          ***

          Juli. In einer Woche kommen wir alle wieder zusammen, die ganze zwölfte Klasse, vielleicht zum letzten Mal. Wir treffen uns auf der Wiese. Während der letzten zwei Jahre wurde ausgiebig diskutiert, wie unserer Abschlussball aussehen soll. Es wurden Gremien geschaffen, die sich mit den Einzelheiten der Planung des Balls regelmäßig beschäftigt haben. Ein ganz wichtiges Element der Planung war der Rote Teppich, der unbedingt da sein musste. Die Tatsache, dass wir uns nochmal einfach zusammen auf der Wiese oder in der Sporthalle treffen, finde ich fast besser. Ja, die Masken werden uns stören, aber tragen wir nicht sowieso ständig Masken?

          Ich muss nicht mehr zum Unterricht in der Schule. Ich bin aber heute wie gewöhnlich früh aufgestanden und zur Schule gegangen. Es war schön, noch als Schüler durch den Schulhof zu laufen und über die Jahre in der Schule nachzudenken.

          Diese unglaubliche Diskrepanz zwischen der reellen physischen Zeit, die auf der Uhr zu sehen ist, und der gefühlten Zeit, diese Dichte an Ereignissen, die binnen kürzester Zeit geschehen sind!

          In der Schule lernten wir, dass man (fast) alles verstehen kann – man muss nur lernen. Die Zukunft ist zum Planen da. Es wurde uns beigebracht, es sei (fast) selbstverständlich, dass jetzt alles anderes als früher ist. Oder sein soll?

          Doch scheint der altmodische vormoderne Immanuel Kant weiterhin Recht zu behalten. Die grundlegenden Fragen bleiben für immer: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?

          ***

          Vsevolod Vikki

          Der Autor, geboren 2002 in St. Petersburg, mit neun Jahren umgezogen nach Deutschland, hat gerade sein Abitur am Laurentius-Gymnasium Neuendettelsau (Bayern) abgelegt. Er hat vor, ein Studium der Japanologie und Sinologie in Erlangen aufzunehmen.

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