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Lisa Becker (lib.)

Schule und Corona : Lehrer, nutzt die Sommerferien!

  • -Aktualisiert am

Ein Lehrer an einer Realschule in Baden-Württemberg im Mai Bild: dpa

E-Learning wird nicht verschwinden. Wichtig ist nun: ausprobieren und voneinander lernen. Mit Fragen des Datenschutzes sollten sich Lehrer indes nicht rumschlagen müssen.

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          Die Schulschließungen infolge der Corona-Krise haben die digitale Rückständigkeit der deutschen Schulen schonungslos offengelegt. Während in Unternehmen die Mitarbeiter Knall auf Fall ins Homeoffice gingen und sich schon kurz darauf in Videokonferenzen von Angesicht zu Angesicht trafen, hatten etliche Lehrer nur noch einen sporadischen und unverbindlichen Kontakt zu ihren Schülern.

          Relativ fortschrittlich mutete es schon an, wenn Schulen über Listen mit E-Mail-Adressen ihrer Schüler verfügten und ihnen Arbeitsaufträge elektronisch zusenden konnten. Nach einer Forsa-Umfrage vom April schickte jedoch ein Drittel der Lehrkräfte die Aufgabenblätter mit der Post oder ließ sie an der Schule abholen. Ein großer Teil der Schüler, auch das zeigten Umfragen, wendete nur ein paar Stunden in der Woche für die Schule auf. Das galt nicht nur für junge Menschen aus armen Familien, sondern auch für manche Pubertierende aus bildungsbürgerlichen Haushalten.

          Natürlich gab es auch Lehrer, die schon vorher mit Hilfe der digitalen Medien unterrichtet hatten und das weiterhin taten, solche, die es schon lange ausprobieren wollten und nun ins kalte Wasser sprangen, Vorreiterschulen, die die neue Situation gelassen meisterten, und Privatschulen, an denen sich nicht viel änderte: Unterricht fand zu denselben Zeiten und mit Anwesenheitspflicht statt – nur eben im virtuellen Raum. In aller Regel dünnte der regelmäßige und verbindliche Kontakt zwischen Schülern und Lehrer jedoch auf beunruhigende Weise aus.

          Kombination von Präsenz- und Distanzlernphasen

          Ärgerliches Schimpfen über die zu langsame Digitalisierung der deutschen Schulen bringt nun aber nichts. Es ist dringend notwendig, nach vorne zu schauen. Denn die Hoffnung, der Fernunterricht habe sich nach den Sommerferien weitgehend erledigt, dürfte sich als frommer Wunsch erweisen. Solange das Virus nicht besiegt ist, drohen ständig Schulschließungen, regional oder sogar flächendeckend. Die Hoffnung, dass Schüler das Virus spürbar weniger verbreiten, könnte sich als falsch erweisen.

          Ein Regelbetrieb wird schon allein deshalb nicht möglich sein, weil zum ohnehin grassierenden Lehrermangel noch die Lehrkräfte hinzukommen, die den Präsenzunterricht als riskant für die eigene Gesundheit einstufen. In die Schule werden sie eher kommen, wenn mit Abstand in kleinen Gruppen unterrichtet wird, also nur ein Teil der Schüler vor Ort ist. Das erfordert auch bei geöffneten Schulen eine Kombination aus Präsenz- und Distanzunterricht.

          Wie lässt sich beides sinnvoll verbinden? Unter dem Überbegriff „Blended Learning“ haben Wissenschaftler lange vor Corona für eine Kombination von Präsenz- und Distanzlernphasen geworben – und die zentrale Bedeutung des Präsenzunterrichts betont, ist doch die soziale Interaktion und damit das persönliche Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden entscheidend für den Lernerfolg. Schüler und Lehrer sollten, so oft das Infektionsgeschehen dies zulässt, im Klassenraum zusammenkommen.

          Zu viel Einzelkämpfertum unter den Lehrern

          Der Unterricht in der Schule kann dann zu Hause durch E-Learning, das auch gute Möglichkeit zur Individualisierung und Gruppenarbeit bietet, vertieft und ergänzt werden. Effektiv organisiert werden kann das Distanzlernen über Lernplattformen, auf die Schüler von zu Hause zugreifen können. Man kann dort Lernmaterialien einstellen, virtuelle Klassenzimmer, Chatfunktionen und Ordner einrichten, Termine vereinbaren und die Abgabe der Ergebnisse abwickeln.

          Viele Pädagogen wünschten sich schon vor Corona, mehr über den Einsatz der digitalen Medien zu lernen. Doch es fehlte die Technik, es fehlten Fortbildungen, es fehlte ein drängender Anlass. Der ist nun da. In Sachen Technik sind keine Wunder zu erwarten, doch es geht schneller voran als ohne Corona-Krise, zum Beispiel arbeiten nun alle Bundesländer mit einigem Tempo an ihren Lernplattformen. Das Angebot an Fortbildungen wächst zwar, allerdings von einem geringen Niveau aus – es wird dauern, bis auf diese Weise ein Großteil der Lehrer auf einen guten pädagogischen Stand gebracht sein wird.

          So viel Zeit ist nicht. Bald sind die Sommerferien schon wieder vorüber. Die Lehrer müssen einen Teil der Ferien nutzen und sich auf eigene Faust weiterbilden – und die in Deutschland weitverbreitete Vorstellung, Neues könne man nur machen, wenn es vorher eine Fortbildung gab, über Bord werfen. Wichtig ist nun: loslegen, ausprobieren, aus Fehlern lernen, in Teams reflektieren, sich vernetzen, voneinander lernen. Studien zeigen noch zu viel Einzelkämpfertum unter den Lehrern. Unterstützung brauchen sie von Direktoren, die das ganze Team gut durch die Krise steuern. Und von einer Bildungsverwaltung, die ihnen Steine aus dem Weg räumt. So sollte sich keine Lehrkraft mit Fragen des Datenschutzes rumschlagen müssen.

          Lisa Becker
          Redakteurin in der Wirtschaft

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