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Klasse wiederholen : Sitzenbleiben, damit Lehrer es besser haben?

Klassenwiederholungen nehmen tatsächlich dann zu, wenn diese die Bildung einer neuen Klasse in der unteren Klassenstufe ermöglichen. Bild: dpa

Was, wenn Lehrer und Direktoren bei der Entscheidung, wer ein Schuljahr wiederholen muss, ihre eigene Agenda verfolgen, um die Klassengröße zu beeinflussen? Forscher sind dieser Frage jetzt nachgegangen.

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          Über das Sitzenbleiben in der Schule gibt es immer wieder Streit: Hilft es den betroffenen Schülern, verpassten Stoff nachzuholen, nicht komplett abgehängt zu werden, mit Hilfe der Wiederholung neues Selbstvertrauen zu gewinnen? Oder schadet es ihnen: Weil sie durch das Stigma des Sitzenbleibers vor allem an Selbstvertrauen verlieren, weil sie aus ihrem Klassenverband herausgerissen werden und nicht zuletzt: Weil sie langfristig später ins Arbeitsleben eintreten und Geld verdienen können?

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Jenseits dieser Streitpunkte hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) nun in einer Studie, die der F.A.Z. vorab vorliegt, untersucht, ob noch ein ganz anderes Motiv hinter dem Sitzenbleiben stecken könnte. Was, so fragte der Autor, wenn in Wirklichkeit Lehrer und Schuldirektoren bei der Entscheidung, wer eine Klasse wiederholen muss und wer nicht, ihre ganz eigene Agenda verfolgen? Sie könnten nämlich damit – sozusagen durch die Hintertür – versuchen, Klassengrößen zu beeinflussen und zu reduzieren.

          Mittelzuflüsse je Klasse statt je Kopf

          Der Studienautor Maximilian Bach stellt die Hypothese auf, dass Lehrer und Direktoren ein Interesse daran haben, eine kritische Anzahl an Schülerinnen und Schülern zurückzustufen, wenn daraus folgt, dass im darunter liegenden Jahrgang eine weitere Klasse eröffnet werden darf. Gebe es aufgrund der Sitzenbleiber im Folgejahr beispielsweise drei erste Klassen, anstelle von nur zwei, wären die neuen drei Klassen jede für sich genommen kleiner und damit leichter zu unterrichten. Zudem erhielten Schulen häufig Mittelzuflüsse je Klasse und nicht je Kopf, was das Interesse auch der Direktoren erhöhe, zusätzliche Klassen zu eröffnen.

          Bach hat zu dieser Hypothese ein Modell entworfen und es am Beispiel sächsischer Grundschulen getestet. Dort lag in den untersuchten Jahren von 2004 bis 2015 die maximale Klassengröße an Grundschulen bei 28 Schülern, die minimale bei 15. Übertraf eine Klasse die 28-Schüler-Marke, musste eine neue Klasse im selben Jahrgang eröffnet werden. Gleichzeitig hing die finanzielle Ausstattung der Grundschulen von der Anzahl der Klassen ab.

          Potential für strategische Manipulationen

          Heraus kam: Klassenwiederholungen nehmen tatsächlich dann zu, wenn diese die Bildung einer neuen Klasse in der unteren Klassenstufe ermöglichen. Umgekehrt kommt es zu weniger Klassenwiederholungen, wenn es wahrscheinlicher ist, dass die derzeitige Klasse in der nächsthöheren Klassenstufe in zwei Klassen aufgeteilt oder nicht mit einer anderen Klasse zusammengelegt wird.

          Vor allem zu Beginn der Schullaufbahn von Schülerinnen und Schülern wird dieser „Ermessensspielraum“ genutzt, also in der ersten Klasse, wo das Potential für strategische Manipulationen und deren Nutzen für die Schulen am größten sind. Bach schreibt, das strategische Verhalten der Lehrer könne möglicherweise anderen pädagogischen Zielen entgegenwirken.

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