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Interview mit Melisa Erkurt : Wie werden Teenager zu Lesern?

Anya Taylor-Joy in der Netflix-Serie „Das Damengambit“, die Schach wieder in Mode brachte – wäre so etwas auch für das Buch denkbar? Bild: Picture-Alliance

Bei Migrantenkindern ist das Lesen für den Spracherwerb besonders wichtig. Gefördert wird es kaum. Wie schafft man Anreize in der Pandemie? Interview mit der Lehrerin, Journalistin und Buchautorin Melisa Erkurt.

          5 Min.

          In Ihrem Buch „Generation haram“, in dem Sie Vorschläge für eine bessere Integration von Migrantenkindern machen, betonen Sie die Bedeutung des Lesens. Worin besteht sie aus Ihrer Sicht genau?

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Melisa Erkurt: Lesen eröffnet für viele Kinder Welten, die sie sonst nicht kennen. Kinder aus den unteren sozialen Schichten können auf dieses kulturelle Kapital meist nicht zurückgreifen. Das ist bedauerlich. Beim Lesen werden natürlich auch die Deutschkenntnisse gestärkt. Ich spreche aus eigener Erfahrung, ich selbst habe durch Bücher Deutsch gelernt und habe erlebt, dass viele meiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler, die mangelhafte Deutschkenntnisse hatten, nicht gerne gelesen haben. Dazu gab es auch Erhebungen an unserer Schule, die ergaben, dass mehr als achtzig Prozent der Schüler unterdurchschnittliche Leser waren. Entsprechend schlecht waren ihre Deutschkenntnisse. Beides hängt zusammen.

          Die Pandemie verschärft diesen Zustand wohl noch? Glücklich sind jetzt die Kinder und Jugendlichen, die sich im Lockdown gut mit Büchern beschäftigen können.

          Für mich ist Lesen aber nicht gleichbedeutend mit Büchern. Den Fehler, beide in eins zu setzen, machen aus meiner Sicht viele Lehrerinnen und Lehrer. Aber manche Instagram-Posts, in denen es um gesellschaftliche Themen geht, haben auch 3000 Zeichen, sie sind so lang wie eine Zeitungskolumne. Und hierbei würde man ja auch von „Lesen“ sprechen. Instagram-Posts können Jugendliche animieren, mehr und weiter zu lesen, Themen lesend zu vertiefen. In der Pandemie hat man gesehen, dass sich viele Jugendliche verstärkt auf die Social Media gestürzt haben. Und dann sollte man auch versuchen, sie dort abzuholen als Leser. Mir hat eine Lehrerin erzählt, dass sie ihren Schülerinnen und Schülern die Aufgabe gestellt hat, zu dem Protagonisten eines Buch ein Instagram-Profil zu erstellen. Das ist bei den Jugendlichen extrem gut angekommen.

          Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn man mit Jugendlichen Bücher über Themen liest, die sie wirklich beschäftigen – Mental Health, Diversität –, Bücher in denen der Protagonist solche Themen durchlebt, diese viel besser ankommen als die gängigen Lektüreklassiker, bei denen sich viele Jugendlichen weder im Autor noch in den Protagonisten wiederfinden können.

          Melisa Erkurt
          Melisa Erkurt : Bild: Zoe Opratko

          Ist es nicht wichtig, auch eine bestimmte poetische Ausdrucksform zu vermitteln, die gerade in vielen Klassikern steckt?

          Das finde ich auch wichtig. So haben meine Kinder gerne den „Erlkönig“ gelesen und rezitiert. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich dachte, sie würden das als veraltet empfinden. Aber sie haben das richtig gerne gemacht. Auch eine Poetin wie Elona Beqiraj kommt gut an. Sie schreibt kurze Gedichte, viel über Diaspora und wie es ist, als Person mit kosovarischen Wurzeln in Deutschland zu leben.

          Die Lesefähigkeit und Leselust wird nicht ausreichend gefördert – speziell bei Migrantenkindern, oder?

          Man hat zu viele andere Baustellen. Viele Kinder mit Migrationsgeschichte kennen die richtigen Artikel nicht, der Satzbau ist katastrophal, das Vokabular begrenzt, das hängt natürlich damit zusammen, dass viele kaum lesen. Und auch im Deutschunterricht ist nicht viel Platz für Leseförderung. Ich habe ja in Österreich unterrichtet, dort gibt es drei, maximal vier Klassenlektüren im Jahr, und meine Schülerinnen und Schüler haben in ihrem Leben oft nur die Bücher gelesen, die sie lesen mussten, wobei viele nicht einmal die wirklich gelesen haben. Bei vielen zu Hause gab es keine Bücher, und vielen fehlte auch das Geld für Bücher, sodass die Lehrerin immer nur die Bücher als Schullektüre nehmen konnte, die auch in der Schulbibliothek vorhanden waren.

          Sie schildern in Ihrem Buch eine Szene, in der sie einem Mädchen mit Migrationshintergrund in der Schule ein Buch schenken – und das Mädchen ist total gerührt.

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