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Suizidprävention : Depressive Schüler erkennen

Alix Puhl: Vorstizende des Elternbeirats an der Carl-Schurz-Schule in Sachsenhausen Bild: Wonge Bergmann

Eine Initiative setzt sich für Suizidprävention an Schulen in Rhein-Main ein. Seit Beginn der Corona-Pandemie habe es eine Häufung von Depressionen unter Jugendlichen gegeben.

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          Wenn Jugendliche sich das Leben nehmen, dann ist es für das Umfeld schwer, darüber zu sprechen. Zu belastend ist das Thema, zu viele Fragen stehen im Raum, zu groß ist die Sorge, unangemessene Reaktionen aushalten zu müssen. „Ich kann deshalb alle verstehen, die schweigen“, sagt die Elternbeiratsvorsitzende der Sachsenhäuser Carl-Schurz-Schule, Alix Puhl. „Aber wenn keiner etwas sagt, dann lernt auch niemand, damit umzugehen.“ Eltern und Lehrkräfte seien oft überfordert, bei Jugendlichen Depressionen oder suizidale Tendenzen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Puhl, die lange den Stadtelternbeirat geführt hat, spricht auch aus eigener familiärer Erfahrung: Sie hat vor knapp einem Jahr eines ihrer vier Kinder, einen Sohn, mit 16 Jahren durch einen Suizid verloren. Aus der Trauer und der Aufarbeitung ist jetzt eine Initiative erwachsen, deren Ziel es ist, hessische Lehrkräfte so auszubilden und zu unterstützen, dass Selbsttötungen verhindert werden können. Zusammen mit Judith Junk, Oberstudienrätin an der Max-Planck-Schule in Rüsselsheim, hat Puhl ein Projekt entwickelt, von dem sie nun die Kultuspolitik in Hessen und darüber hinaus zu überzeugen versucht.

          Selbsttötungen seien nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache von Kindern und Jugendlichen, sagen Puhl und Junk. Besonders gefährdet seien Schüler mit unklarer sexueller Identität: Sie hätten ein vier- bis achtfach höheres Risiko für suizidale Gedanken und Verhaltensweisen. Häufig liege eine psychische Erkrankung zugrunde, es gebe aber auch Zusammenhänge mit Belastungen und Adoleszenzkrisen. Darauf müssten Personen, die für Heranwachsende Verantwortung tragen, vorbereitet sein. „Eine Suizidgefahr ist nicht so leicht zu erkennen wie ein gebrochenes Bein“, sagt Puhl. Es sei typisch für Pubertierende, sich Erwachsenen zu verschließen, und manche seien Meister darin, Probleme zu verbergen. Eine qualifizierte Risikoabschätzung und adäquate Behandlung seien jedoch entscheidend, um Leben zu retten.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

          Besonders viele Fälle in der Pandemie

          Deshalb fordert die Schulelternbeirätin, das Thema Suizidprävention in die Lehramtsstudiengänge zu integrieren. Bislang ist das nicht der Fall. Allerdings dürften die einzelnen Lehrkräfte mit diesem anspruchsvollen Thema nicht alleingelassen werden. Vielmehr müsse jedes Mitglied der Schulgemeinde aufmerksam sein und wissen, wo bei Bedarf Hilfe zu bekommen sei. In diesem Sinne schlagen Puhl und Junk eine hessenweite Koordinierungsstelle zur Suizidprävention vor. Diese könne mit den Schulpsychologen an den landesweit 15 Staatlichen Schulämtern zusammenarbeiten. In einer Projektzeit von zunächst drei Jahren solle eine Strategie erarbeitet und schrittweise an den Schulen implementiert werden.

          Möglich wäre es nach Meinung der Elternbeirätin und der Lehrerin, sich zunächst auf die Gymnasien zu konzentrieren, da es dort keine oder nur eine beschränkte Schulsozialarbeit gebe. Bei einem Erfolg ließe sich das Konzept auf die anderen weiterführenden Schulen übertragen. Die teilnehmenden Schulgemeinden sollen während der Projektzeit unterstützt werden, sich untereinander zu vernetzen, Prophylaxe-Tage beispielsweise in den Stufen acht und elf sowie Schüler-AGs und Elternabende zu organisieren. Eine Projekt-Homepage soll Kontakte etwa zu Selbsthilfegruppen, Stiftungen und Kliniken vermitteln sowie über Jugendkrisen in Verbindung mit Sucht, Essstörungen, Selbstverletzungen, sozialen Ängsten und Depression informieren.

          Besonders dringlich ist das Thema nach Einschätzung Puhls und Junks aufgrund der Corona-Pandemie. In den vergangenen Monaten hätten sich die depressiven Verstimmungen unter Schülern gehäuft. Dieses Problem werde sich mit dem Ende der Krise nicht erledigen. Denn von allen seelischen Erkrankungen stehe die Depression am engsten mit Suiziden in Verbindung.

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