https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/klassenzimmer/folgen-der-digitalisierung-die-bewegungsfaehigkeit-der-kinder-verkuemmert-16830564.html

Folgen der Digitalisierung : Die Bewegungsfähigkeit der Kinder verkümmert

  • -Aktualisiert am

Draußen lernen: Außerschulische Lernräume im Wald sind vielen Stadtkindern völlig fremd und werden immer wichtiger. Eine Schulklasse an den Stationen des Forsterlebnispfades Bild: Henning Bode

Da der Mensch verlernt, was er nicht braucht, verkümmern Fähigkeiten jenseits der digitalen Welt, wenn man sie vernachlässigt. Handlungserfahrungen und Bedeutungsräume müssen zurückerobert werden.

          4 Min.

          Manager wie Timotheus Höttges von der Telekom plädieren dafür, Kindern am besten schon in der Vorschule Grundlagen des Programmierens beizubringen. Das mag vernünftig erscheinen, wenn man es als vorrangiges Erziehungsziel betrachtet, junge Menschen so zu formen, dass sie mit ihrer digitalen Expertise die Konkurrenzfähigkeit des Industriestandorts Deutschlands sichern. Sicher, in Zeiten von Corona ist der Computer zwangsweise das Kommunikationsmittel der Wahl. Doch auch in weniger aufregenden Zeiten ist es für viele normal, einen großen Teil des Tages vor einem zweidimensionalen Bildschirm zu verbringen.

          Ist man der Überzeugung, dass das Leben aus mehr als Nullen und Einsen besteht und es darum geht, junge Menschen zu ertüchtigen, ihr Leben in Eigenverantwortung zu gestalten, wird man daran zweifeln. Hier prallen Weltanschauungen aufeinander. Gerne weisen digitale Adepten darauf hin, dass es kompliziert sei, zu beweisen, dass etwa ausgedehnter Computergebrauch nachteilig wäre. Kinder, die sechs Stunden am Tag am Computer zocken, zeigen ein besseres Reaktionsverhalten, und auch die Finger, die im Stakkato die Konsole bearbeiten, sind im Gehirn besser repräsentiert als die einer Vergleichsgruppe. Solchen Verteidigungsbemühungen muss man allerdings eine wissenschaftstheoretische Binsenweisheit entgegenhalten: Messen und bewerten lässt sich nur, was sich messen und bewerten lässt. Diese Einsicht hat für viele komplexere Fragestellungen der Psychologie und Kognitionswissenschaften Konsequenzen, da sich diese nicht ohne weiteres in ein angemessenes Experimentaldesign pressen lassen.

          Anpassungsfähigkeit des Menschen

          Man denke an die umjubelten bildgebenden Verfahren, mit denen man die Hirnaktivität bei einer bestimmten Aufgabenstellung misst. Leider muss man reglos in einem Tomographen liegen. Genau aus diesem Grund lässt sich mit diesem Messverfahren zum Beispiel wenig über Menschen in Bewegung herausbekommen. Man kann nicht mit einer solchen tonnenschweren Maschine auf dem Kopf durch die Welt tanzen. Das beherrschbare Beispielexperiment bestimmt also den Raum beantwortbarer Fragen.

          Wenn für bestimmte komplexe Fragestellungen keine detaillierten Antworten existieren, dann heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Vielleicht liegen sie einfach außerhalb der momentan verfügbaren wissenschaftlichen Möglichkeiten. In solchen Fällen ist begründetes Argumentieren erlaubt und notwendig. Was lässt sich also dazu sagen, dass sich Milliarden von Menschen den halben Tag mit zweidimensionalen Modellwelten auseinandersetzen? Da steht an erster Stelle die Einsicht, dass Menschen sehr effizient funktionieren. Fertigkeiten, die wir üben, entwickeln sich. Alles, was nicht gebraucht wird, bildet sich zurück: „Use it or lose it.“ Dieses Prinzip ist fundamental. Es gilt für Kleinkinder genauso wie für Greise.

          Säuglinge sind zu Leistungen in der Lage, die uns Erwachsene überfordern. Sie können alle Sprachlaute dieser Erde unterscheiden. Ihr Gehirn ist überbestimmt. Es gibt anfänglich mehr synaptische Verbindungen zwischen den Neuronen, als später gebraucht werden. Das ist evolutionär sinnvoll. Ein Kind kann als Inuit auf die Welt kommen oder als Indio. Es muss gewährleistet sein, dass es sich seiner Kultur optimal anpasst. Richtet sich sein Fokus auf die ihn umgebenden Sprachlaute, dann bedingt das „Use-it-or-lose-it-Prinzip“, dass es sich für genau diese sensibilisiert. Die Fähigkeit, andere Laute zu unterscheiden, verschwindet. Aber nicht nur Babys sind anpassungsfähig. Pflegeheimbewohner, die beginnen, mit Hanteln zu arbeiten, verdoppeln in kurzer Zeit ihre Kraft, und selbst kognitive Fähigkeiten lassen sich im Alter trainieren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die amerikanische Küstenwache zieht Teile des chinesischen Ballons auf ihr Boot

          Chinesische Ballon-Affäre : USA warnen Verbündete vor Spionageprogramm

          Die Ballon-Affäre geht in die zweite Runde. Die USA haben damit begonnen, die chinesische Verlegenheit für sich diplomatisch nutzbar zu machen. Peking fordert dagegen die Aushändigung der Trümmer.
          Die gefälschten Titelblätter der Satire-Zeitschriften.

          Russland fälscht Satireblätter : Das ist keine Satire, das ist dumpfe Propaganda

          Die russische Propaganda tobt sich auf einem neuen Feld aus. Sie fälscht Titel von Satireblättern wie „Charlie Hebdo“, „Mad“ und „Titanic“. Die Botschaft lautet: Die Ukrainer seien Nazis und die Europäer hätten die Ukraine-Hilfe satt. Ein Gastbeitrag.

          Erdbeben in der Türkei : „Wir hören Stimmen“

          Während den Rettern die Zeit davonläuft, beginnt der Kampf um die Deutung des Umgangs mit der Katastrophe. An vielen Orten ist noch keine Hilfe angekommen. Die türkische Regierung reagiert dünnhäutig und schränkt Twitter ein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.