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Rückblick einer Aussteigerin : Die ungeschönte Wahrheit übers Lehrerleben

  • -Aktualisiert am

Aus der Mode: die unprätentiöse Wandtafel Bild: Picture-Alliance

Für Lehrer ist das Schulleben hart, einsam und voller Momente des Selbstzweifels. Dummerweise hat man es sich selbst ausgesucht. Darüber, was einen hält und vertreibt, berichtet eine Aussteigerin.

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          „So, ich gehe mal kurz Zigaretten holen und ihr löst die Aufgaben auf Seite 15 schriftlich, jaja, schriftlich, nicht mündlich.“ Natürlich käme ich danach nie wieder zurück.

          Dieser geräuschlose Abgang, „nach mir die Sinnflut“, ging mir gelegentlich beim Unterrichten durch den Kopf. Die Vorstellung diente alleine meinem eigenen Amüsement. Auch als Lehrperson will man es mal lustig haben. Alleine der Blick auf die Türklinke wirkte stets beruhigend. Man kann sie hinunterdrücken, dann ist der Weg nach draußen frei, man könnte lossprinten, ohne nur einmal zurückzublicken. Gegangen bin ich schließlich ganz manierlich mit einer termingerechten Kündigung, einem Gespräch mit der Rektorin, einer letzten Notenabgabe und einer allerletzten Stunde vor fünfundzwanzig Teenager-Balgen, die sich ihrer heroischen Tat brüsteten: Das ist die dritte Lehrperson, die unseretwegen geht! Yeah.

          Ich habe das Unterrichten aufgegeben, nach insgesamt knapp zwei Jahren Stellvertretungen an verschiedenen Gymnasien in der Schweiz als Deutsch- und Französischlehrerin und zwei Jahren als Lehrbeauftragter. Beim Thema Schule können ja wirklich alle mitreden, mindestens neun Jahre hat jeder von uns dort zugebracht. Wie aber ist es so, auf der anderen Seite zu stehen?

          Im Laufschritt geht es mit zu wenigen Kopien in den Fun-Park der Jugend

          De facto: Das Schulleben ist hart, einsam und voller Momente des Selbstzweifels. Anders als die Schüler und Schülerinnen hat man sich diese Situation als Lehrer aber selber ausgehandelt. Dieser reality-check machte es manchmal so unerträglich. Man ist tatsächlich freiwillig dort. Dabei halten ja alleine die vielen Pausen nicht das, was sie versprechen.

          Eben hat man sich zwischen zwei Schulstunden einen Kaffee geholt, hält nach dem ersten Schluck versonnen inne, ruht in sich selbst. Die Welt scheint in Ordnung. Da klopft die Pflicht gedanklich an: Man muss noch schnell ins Schulsekretariat sausen, um die bestellten Bücher abzuholen, und zudem den

          Laptop-Wagen in den dritten Stock hinauffahren. Mitten in der Eile des Gefechts wird man vom Gong überrascht, hastet zurück ins Zimmer und steht nach Koffein lechzend fünfundvierzig Minuten vor der Klasse.

          Die Pausen sind ohnehin meist dazu da, für die Lernenden Kopien zu machen. Die technischen Vervielfältigungsmaschinen lieben es Papier zu stauen, natürlich am liebsten dann, wenn sich bereits eine seufzende Schlange hinter einem gebildet hat. Als man die abgerissenen Blätter endlich entfernt hat, hat sich die Meute hinter einem bereits verzogen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass alles wieder von Neuem losgeht. Die neue Lektion wird eingeläutet. Im Laufschritt geht es mit zu wenigen Kopien in den Fun-Park der Jugend.

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