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Rückblick einer Aussteigerin : Die ungeschönte Wahrheit übers Lehrerleben

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Nirgendwo sonst sehe ich so viele lustige, gutgelaunte Jugendliche wie im Klassenzimmer. Geballte Fröhlichkeit auf vergleichsweise kleinem Raum. Im öffentlichen Stadtraum sind Teenager ja oft komplett verstummt, dröseln mit Knöpfen im Ohr vor sich hin, werden vom Handybildschirm absorbiert, tummeln sich auf ihrem Zweitplaneten. Sofern sie zu Stoßzeiten im Zug nicht mit dicken Sporttaschen gleich drei Plätze für sich reklamieren und nicht hören, wie man höflich fragt, ob noch ein Platz frei sei, sind sie eigentlich ganz angenehme Zeitgenossen. Vermehrt sind in der Schule aber Handys verboten. Diese jungen Menschen stecken also alle in ein- und derselben Realität fest. Das drückt sich dann ungefähr so aus: Sven schmeißt Leos Tasche vom Tisch und setzt sich selbst an dessen Platz. Leo rächt sich damit, dass er seinen Kumpel mit Fanta bespritzt, was Josh so lustig findet, dass er mit Red Bull nachdoppelt. Anna und Larissa haben einen Lachanfall, ihre Haare verdecken das immer röter werdende Gesicht. Remy und Anja umarmen sich mitten im Zimmer stehend, drücken ihren gemeinsamen Herzschmerz in verzerrtem Gesichtsausdruck aus. Ein Taschenrechner fliegt vom Eingang bis zum Fenster, prallt unsanft am Boden auf – er gehört Max, der wegen Mattias schlechter Wurftechnik nun wohl einen neuen kaufen muss.

„Warum ich? Immer ich!“ lautet der feste Refrain

Keiner würde die im 19. Jahrhundert eingeführte Schulpflicht wieder abschaffen wollen. Die obligatorische Schule für alle ist die Grundbasis des aufgeklärten Zeitalters und einer funktionierenden Demokratie. In der Schweiz gehört der Erwerb einer weiteren Landessprache zudem zum Pflichtprogramm eines angehenden Maturanden. Lehrer ist demnach ein relativ krisensicherer Beruf, es ist eine Tätigkeit, von der man weiß, was einen erwartet. Wovon Lehrer nebst dem Wissen um eine lebenslange Anstellung bestenfalls träumen dürfen? Von spätem Ruhm in gealterten Köpfen. Zwanzig Jahre später erinnert sich Stefan an die tollen Deutschstunden bei der engagierten Lehrerin und fragt sich ganz getreu der Gedichte über die menschlichen Gezeiten, ob sie wohl noch lebe. Dabei war die Lehrerin damals anfangs dreißig. Lehrerpersonen sind meist jünger, als von den Schülern geschätzt, Ordnungshütern spricht man ungern jugendliche Frische  zu.

Die Teenager von heute gehören einer anderen Generation an als ich, Jahrgang 1976. Ich verkörpere die Zäsur. Meine Schuljahre habe ich ohne Internet verbracht, Handys waren noch kein Massenphänomen.

Kurz nach meiner Matura war der Damm gebrochen, die Digitalisierung krempelte unser Dasein um. Das Internet, die Laptops und digitalen Lernprogramme bieten viele Vorteile fürs Lernen. Die Schule hat das irgendwann auch anerkannt. In modernen Schulzimmern stehen vorne nun also ein Computer mit integriertem CD-Spieler, ein Beamer, ein Visualizer, ein flexibles digitales Lernboard. Das ist alles über Login und Passwort problemlos zu bedienen, vorausgesetzt es funktioniert. Ansonsten wuselt man als Lehrperson verzweifelt herum, flankiert von einem hilfsbereiten Schüler. Die Technikabteilung ist also selbst in der Schule die oberste Instanz, der Zenit in der Bedürfnispyramide. Man steht also da, versucht, das Gerät in Betrieb zu setzen, schaut gelegentlich auf, um unsystematisch ein paar Namen zu nennen, die nicht so laut sein sollen. Protest

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