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Schüler in der Wiesbachschule in Grävenwiesbach Bild: Frank Röth

„DigitalPakt Schule“ : Bringt Chaos in die Ordnung!

Für den „DigitalPakt Schule“ wird sogar das Grundgesetz geändert. Aber wozu soll er gut sein, wenn er nur Apparate liefert, mit denen Schüler eh schon besser umgehen können als Lehrer?

          7 Min.

          Für einen „DigitalPakt Schule“, um dessentwillen der Bundestag jetzt sogar einer Grundgesetzänderung zugestimmt hat (der Bundesrat soll am 14. Dezember folgen), gibt es gute Gründe. Wenn etwas es rechtfertigen kann, die Routinen der Schulbildung und der politischen Zuständigkeiten zu übersteigen, dann doch dieser Umbruch aller Lebensgewohnheiten und sozialer Strukturen, der unter dem Namen „Digitalisierung“ bekannt ist. Das Bildungsziel, „selbstbestimmt und verantwortungsvoll“ mit diesem Umbruch umzugehen, wie es das Bundesbildungsministerium formuliert, ist alle Anstrengung wert und gewiss auch die besonderen Finanzhilfen, die der Bund nun Schulen in allen Bundesländern zukommen lassen will.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch irgend etwas läuft bei diesem Digitalpakt schief. Das einzige, was bei ihm nämlich festzustehen scheint, ist die Ausstattung der Schulen mit Apparaten und schnellen Netzverbindungen. Zwar betont das Ministerium auf seiner Website den „Primat der Pädagogik“, doch wie der sich innerhalb und gegenüber der Technik auswirken soll, sagt es nicht. Begründung und Ziel des Projekts werden vielmehr in einem Zirkelschluss beschrieben: „Digitale Systeme und Werkzeuge durchdringen die Gesellschaft“, und „deshalb“ sollen sie auch die Schule durchdringen – deshalb sollen Schulen „überall auf schnelles Internet zurückgreifen können und über entsprechende Anzeigegeräte wie Smartboards verfügen“. Als Bindeglied zwischen diesen beiden Sätzen taucht eine „digitale Kompetenz“ auf, der ein ganzes Bündel von Funktionen zugewiesen wird: selbstbestimmte und verantwortliche Nutzung der Apparate, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Erhaltung der Demokratie, Bewahrung des nationalen Wohlstands. Die unverbundene Reihung unterschlägt, dass es sich dabei um sehr unterschiedliche Zwecke handelt. Das eine sind instrumentelle Ziele, um sich besser dem individuellen und nationalen Wettbewerb anpassen zu können. Das andere – Demokratie, Selbstbestimmung – sind Ziele, die diese Anpassung gerade übersteigen. Wie die zumindest partiell einander widerstrebenden Anforderungen miteinander vermittelt und auf einer höheren Ebene möglicherweise ausgeglichen werden sollen, lässt das Ministerium offen.

          Fit für den Wettbewerb

          Übergeordnete Ziele sollen vielmehr an die Bundesländer und die einzelnen Schulen outgesourct werden: Wer Geld aus dem Digitalpakt beantragen will, muss ein „technisch-pädagogisches Konzept“ vorlegen. Damit sind aber offenbar nur Strategien gemeint, wie mit digitalen Methoden der gleiche Lernstoff vermittelt werden kann wie zuvor mit den analogen. Es scheint gar nicht der Sinn dieses Digitalpakts zu sein, dass die von ihm ausgehende Reform der Schulbildung die instrumentelle Sphäre selbst erfasst, also übersteigt; faktisch fügt sie sich dieser daher ein. Mit beeindruckender Arglosigkeit setzen die programmatischen Texte voraus, dass die Technik selbst neutral sei. Dabei demonstriert allein schon die Auflistung der Vorteile, die das Ministerium den digitalen Lernmethoden zugutehält, dass davon keine Rede sein kann: effektivere Kontrolle („individuelle Lernfortschritte“ können genauer erfasst und optimiert werden), dichtere Vernetzung, praxisorientiere Simulation.

          Sollte es wirklich das erste Lernziel sein, die Schüler fit zu machen für den digital beschleunigten Konkurrenzkampf? In seinem Buch „Das metrische Wir“ hat der Soziologe Steffen Mau gezeigt, dass Digitalisierung nicht zuletzt „Hyperindividualisierung“ bedeutet, „die auf unendlich vielen und endlos kombinierbaren Differenzbeobachtungen beruht“. Dass nun das, was sich in der Gesellschaft ohnehin vollzieht, in der Schule einfach verdoppelt werden soll, hat auch den komischen Aspekt, dass Schüler meist viel kenntnisreicher und geschickter im Umgang mit digitalen Geräten sind als ihre Lehrer. Was ihnen die Schule dagegen bieten könnte, wäre ein Kontextwissen, das ihre technischen Kompetenzen in eine Beziehung zu außertechnischen Erfahrungen, seien sie politischer, kultureller oder existentieller Art, setzen kann. Doch offenbar sollen die „Pädagogik“ und deren vorgeblichen Ziele Demokratie und Selbstbestimmung bloß eine ähnliche Rolle spielen wie der „Content“ bei den Strategen der Absatzwirtschaft: als zusätzliches Verkaufsargument, das aber eben dadurch auf seine Weise den selbstverständlich vorausgesetzten Vorrang der kommerziellen und technischen Zwecke umso schlagender zum Ausdruck bringt. Es ist, als wollte die schwarz-rote Regierung die Wahlforderung der FDP erfüllen: „Digitalisierung first, Bedenken second“. Als wäre in die Technik ein Reflexionsverbot installiert, das jeder einhalten muss, der sie benutzen will.

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