https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/klassenzimmer/der-wunsch-nach-einem-echten-deutschland-abitur-16685160.html

Geschichtsvergessene Debatte : Der Traum vom echten Deutschland-Abitur

  • -Aktualisiert am

Mit großem Abstand: Abiturprüfung in Sachsen-Anhalt Bild: ddp Images

Die Kritiker des Bildungs-Föderalismus vergessen, dass die Abiturnote bei der Studienaufnahme keine allzu große Rolle spielen sollte. Landesbezogene Diversität lässt sich nicht durch ein Dekret beseitigen. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Anscheinend abgeklärt und doch gleichzeitig aufgeregt-alarmierend erschien jüngst wieder eine Diagnose zum deutschen Abitur nebst Lösungsvorschlag: Mathias Brodkorb und Katja Koch („Der Abiturbetrug“, zu Klampen Verlag) fordern nicht weniger als eine Grundgesetzänderung, um eine Volksabstimmung zur Abschaffung der föderalen Restriktionen für „ein echtes Deutschland-Abitur“ zu ermöglichen. Die „Lage des deutschen Abiturs“ sei miserabel, stellen die Autoren fest. Was der Bericht zur Lage dann allerdings zu bieten hat, ist in erstaunlicher Geschichtsvergessenheit eine Kombination unbelegter Einzelbefunde. Deren Deutung lebt von der impliziten Unterstellung, mit einer Abschaffung des Föderalismus und der Durchsetzung zentralstaatlicher Regelungen für das Abitur nicht nur Gerechtigkeit, sondern gleichzeitig Leistung, gute Bildung und wirkliche Studierfähigkeit durchzusetzen.

          Das Abiturzeugnis verbürge keine Studierfähigkeit. Die hat ein Reifezeugnis noch nie verbürgt. Wie sollte es auch? Tatsächlich begleitet die Geschichte des Abiturs seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die Diskussion um das, was als die für ein Studium probate Maturität gelten soll und wie man festzustellen vermag, ob diese bei den jungen Leuten vorliegt – als Fähigkeit, den Verlockungen des Studentenlebens zu widerstehen oder die notwendigen lateinischen Sprachkenntnisse zu besitzen oder überhaupt sich ein eigenes Programm in der Philosophischen Fakultät zusammenstellen zu können. Dass es schiefgehen konnte, obwohl einem die Fähigkeit dazu bescheinigt (eben nicht verbürgt) wurde, war immer schon ebenso möglich. Ein einmal erworbener Führerschein schützt auch nicht vor späteren Unfällen. Die nachgeschobene und im weiteren therapeutisch malträtierte Klage von der Ungerechtigkeit, dass sich die Anforderungen in den Bundesländern ebenso unterschieden wie die Bewertungskriterien, scheint jede weitere Nachfrage, etwa und vor allem die analytische nach der Konzeption von Gerechtigkeit, überflüssig zu machen. Nicht einmal die einfache Frage danach, ob es gerecht wäre, wenn einem die gleichen Aufgaben vorgelegt werden, obwohl man einen schlechteren Lehrer hatte, wird gestellt.

          Die Vorgeschichte der Diskussion sollte man kennen

          Was Koch und Brodkorb hier unterschlagen, wenn sie die ungerechte Verteilung von Chancen ansprechen, begehrte Studienplätze zu erhalten, ist die Tatsache, dass die Abiturbenotung bei der Studienaufnahme originär gar keine Rolle spielen sollte. Schließlich handelte es sich um eine Allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Diese ,Gerechtigkeitslücke‘ könnte man schlicht durch den Ausbau von Studienplätzen in den national überschaubaren NC-Fächern schließen. Der Blick zurück auf Praktiken des 19. Jahrhunderts, wo wir Klassensätze von Deutschabituraufsätzen finden, die alle mit der gleichen Note bedacht wurden (der Lehrer, der heute in dieser Weise seine Noten geben würde, müsste wohl entlassen werden), illustriert, dass und wie sich die Bedeutung der Noten im Abitur verändert hat. Blickt man nicht so weit zurück, offenbart sich das Problem: In den sechziger und siebziger Jahren gelang einerseits die intendierte Öffnung zu weiterführender Bildung, anderseits aber wurde der Ausbau der Hochschulen vernachlässigt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ausnahmsweise ohne Buch in der Hand: Buschmann im Sommer bei der Kabinettsklausur in Meseberg

          Die zwei Justizminister : Wer ist Marco Buschmann?

          Fußnoten-Liebhaber und Musikproduzent: Justizminister Buschmann pflegt eine widersprüchliche Selbstinszenierung. Wenn es um seine Überzeugungen geht, ist vom braven Aktenmenschen aber nicht mehr viel übrig. Dann kämpft er hart.

          2:1 gegen Australien : Argentinien zittert sich ins WM-Viertelfinale

          Im Achtelfinale gegen Australien ist Lionel Messi der entscheidende Mann. Beim 2:1-Sieg seines Teams macht er sein 1000. Pflichtspiel. Aber Messi ist nicht alles, was Argentinien bei dieser WM zu bieten hat.
          Französischer Doppeldecker über einer Industrieanlage im Ruhrgebiet: Die Besetzung wegen ausstehender Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs begann im Januar 1923 und dauerte bis 1925.

          Das Jahr 1923 : Das Weimarer Doppelgesicht

          Ruhrbesetzung, Hitler-Putsch, linke Umsturzpläne, nationalkonservative Attacken, Hyperinflation: Die Weimarer Republik überstand 1923 einige Gefahren. Fünf neue Bücher widmen sich diesem Jahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.