https://www.faz.net/-gyl-9wrju

Online-Unterricht in China : Guck in die Kamera!

Cyberunterricht in China: Ein Geschichtslehrer sitzt in einem leeren Klassenzimmer vor einem Computer. Bild: dpa

Wegen des Coronavirus dürfen Chinas Schüler nicht in die Schule. Also unterrichten die Lehrer über das Internet.

          4 Min.

          Dieser Tage kommt es Grace Guan, Mutter eines Drittklässlers in Schanghai, so vor, als habe sie zwei Jobs: Neben der Arbeit als Assistentin in einem Büro ist sie de facto auch noch Lehrerin. Seit sich der Sohn vor rund einem Monat vor dem Beginn des chinesischen Neujahrsfestes von seiner eigentlichen Klassenlehrerin in die Ferien verabschiedet hatte, hat er den Klassenraum nicht mehr betreten. Weil sich das Coronavirus weiter in China schnell verbreitet und nach offizieller Mitteilung mittlerweile über 75.000 Menschen angesteckt und weit über 2000 getötet hat, sind die Schulen geschlossen. Doch nun soll wenigstens wieder unterrichtet werden: online, über das Internet in der heimischen Wohnung.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          In Schanghai soll die Cyberschule für alle am 2. März starten, doch die Grundschule von Grace Guans Sohn lässt die Schüler bereits seit Mittwoch den Stoff des vergangenen Halbjahres wiederholen. Die Schulleitung hatte den Eltern vorab einen Fragebogen zugeschickt, auf dem sie angeben mussten, über welche technischen Geräte der Haushalt verfügt: Computer, Laptops, Smartphones, Kabel-TV und Streaming-Plattformen.

          Was sich nach ausgeklügeltem High-Tech-Unterricht anhört, verlangt in der Realität vor allem mütterliche Kontrolle: jeden Tag, so sehen es die neuen Schulvorschriften vor, muss Guan der Klassenlehrerin über den Kurnachrichtendienst „Wechat“ mit dem Smartphone aufgenommene Fotos und Videos darüber schicken, wie dieser an seinen Hausaufgaben arbeitet und vorgegebene Sportübungen macht. Am Ende soll die Mutter die Tagesleistung des Sohnes mit einer Note beurteilten und seine gemessene Temperatur melden – hat er Fieber, verlangt der Staat die sofortige Einweisung ins Krankenhaus.

          Der Sohn selbst kommuniziert mit seiner Lehrerin via Ding-Talk, einer Kommunikationsplattform, die der chinesische Alibaba-Konzern eigentlich für Unternehmen entwickelt hat. Seitdem Chinas Schüler die App für die Online-Schule herunterladen müssen, hat sich die Bewertung des Programms in den App-Stores radikal verschlechtert. Was sie von Unterricht im Allgemeinen – ganz gleich ob digital oder analog – halten, lassen die Schüler in ironischen Kommentaren unter dem Programm wissen, das sie mit einem einzigen Stern versehen, der schlechtmöglichsten Bewertung: „Lernen macht mich einfach glücklich“, heißt es dort. „Ding-Talk ist das Licht in der Dunkelheit, ich liebe Dich“.

          Weil sie bald wieder physisch im Büro anwesend sein müsse, falle die Überwachung des Sohnes in den Aufgabenbereich der Großeltern, ängstigt sich Mutter Guan – diese hätten von all der Technologie „kaum eine Ahnung“.

          Internetunterricht soll in ganz China eingeführt werden

          Online-Unterricht, davon war in China vor Zeiten des Coronavirus vor allem bei der Bekämpfung der Armut die Rede. Weil viele Kinder auf dem Land keinen Zugang zu guter Schulbildung haben, hat die Regierung unter großer Anteil der Staatsmedien in manchen abgelegenen Provinzen in Bergdörfern Unterricht über das Internet organsiert. Dieser allerdings beschränkte sich meist darauf, dass die Schüler in einem Klassenraum den Ausführungen eines Lehrers in der weit entfernten Stadt folgen mussten, die über das Netz auf eine vor der Klasse aufgespannte Leinwand übertragen wurden.

          Der Internetunterricht, der nach dem Willen der Zentralregierung nun in ganz China eingeführt werden soll und in manchen Städten bereits seit Anfang Februar läuft, ist hingegen weit aufwändiger. Die Schanghaier Regierung will ab März vor allem auf von 1000 Lehrern aufgezeichnete Unterrichtsstunden setzen, die dann zu den Schülern über Kabelfernsehen in der heimischen Wohnung verfolgt werden. Erste Fotos von Fernsehstudios, in denen Lehrer vor grünem Hintergrund vor der Kamera stehen, links neben sich eine klassische Schiefertafel, rechts ein Monitor mit Power-Point-Präsentation, verbreitete die Regierung bereits in den sozialen Netzwerken.

          Weitere Themen

          Millionen Schüler werden zu Hause unterrichtet Video-Seite öffnen

          „Corona-Ferien“ : Millionen Schüler werden zu Hause unterrichtet

          Millionen Schüler in Deutschland können wegen der Coronavirus-Pandemie seit Wochen nicht zur Schule. Stattdessen bekommen sie ihre Aufgaben von den Lehrern per E-Mail oder über Schul-Apps gestellt. Aber nicht alle Kinder können vom Online-Unterricht profitieren.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.