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Interview zu Bildungsoffensive : „Der Unterricht wird durch diese Digitalisierung nicht besser“

Schüler sitzen an einem Computer-Arbeitsplatz in einer Grundschule. Bild: dpa

Corona hat die Schulen zur Turbo-Digitalisierung gezwungen. Doch sie setzt falsche Schwerpunkte, sagt der Autor und Lehrer Gottfried Böhme im Interview. Ein Negativbeispiel ist für ihn die sächsische „Korrekturmatrix“.

          8 Min.

          Im März haben Sie ein Buch veröffentlicht, in dem Sie vor Auswüchsen des „Digitalpakts Bildung“ warnen. Sind Ihre Bedenken durch die Corona-Krise überholt worden? Man musste ja in den letzten Monaten den Eindruck gewinnen, deutsche Schulen seien eher unter- als überdigitalisiert.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Was die Schulen während des Lockdowns erlebt haben, bestätigt im Grunde meine Befürchtungen. Es sind, erster Punkt, die Klassen aufgelöst worden, was zum Beispiel Jörg Dräger in seinem Buch „Die digitale Bildungsrevolution“ propagiert. Dort fordert er eine „School of one“, in der Lernprogramme auf den einzelnen Schüler zugeschnitten werden, was den Klassenverband zerstört. Der zweite Punkt ist, dass Lehrer während des Lockdowns kaum noch die Möglichkeit hatten, mit den Schülern zu interagieren, ihre Mimik zu lesen, zu merken, ob das ankommt, was gerade behandelt wird. Der Lehrer wurde zum fernen Begleiter von Prozessen, die im häuslichen Umfeld abliefen. Viel mehr als die Lehrer waren die Eltern die direkteren Ansprechpartner der Kinder. Für mich war der Lockdown ein ungewolltes Großexperiment, das gezeigt hat, dass Digitaltechniken deutlich schlechtere Lernerfolge hervorrufen als der analoge Unterricht. Was ich vorher nicht gesehen habe, ist, dass man für den Fall einer Pandemie elektronische Notlösungen braucht. Elektronische Notversorgung muss sein, aber nicht als Heilsversprechen, sondern eben als Notlösung.

          Sie sind also der Meinung, dass das Ungenügen, welches viele Eltern angesichts des Fernunterrichts empfanden, nicht allein in der mangelnden Ausstattung, sondern vor allem in der Natur der Sache des digitalen Unterrichtens begründet lag?

          Ja, das würde ich so sagen. Natürlich war es ein Nachteil, dass viele Lehrer nicht einmal über Dienst-E-Mail-Adressen verfügten und manche Schulen die E-Mail-Adressen der Schüler und Eltern nicht schon vorher gesammelt hatten. Das waren Versäumnisse, die man den Schulen vorwerfen kann. Im Kern hat sich für mich im Lockdown aber klar erwiesen, dass digitaler Unterricht dem analogen unterlegen ist.

          Gottfried Böhme
          Gottfried Böhme : Bild: privat

          Das Problem ist nur, dass man nicht weiß, wie der Unterricht im Lockdown gelaufen wäre – wenn man eine ausgefeilte digitale Grundversorgung hätte liefern können.

          Wenn man diese Grundversorgung gewährleistet, was ja geplant ist und viele Milliarden Euro kosten wird, ist das mit einer Vorentscheidung darüber verbunden, wie man Schüler gut auf die digitale Welt vorbereiten will. Ich finde, dass man vor solchen immensen Investitionen erst einmal überlegen muss, was es eigentlich bedeutet, Schüler auf ein digitales Zeitalter vorzubereiten. Für mich bedeutet das keineswegs primär, dass man sie dauernd vor elektronische Geräte setzt.

          Was wäre denn aus Ihrer Sicht sinnvoll?

          Ich fange mal bei den kleineren Schülern an. Wenn heute ein Kind in die Schule kommt, hat es eine ganz andere Sozialisation hinter sich als Kinder früher. Es wird zum Beispiel viel weniger gebastelt haben. Diese Erfahrung fehlt ihm. Junge Menschen haben heute große Schwierigkeiten, einfachste Bastelarbeiten durchzuführen. Und das hat enorme Konsequenzen bis in die Volkswirtschaft hinein, denn Kinder, die nicht gebastelt haben, werden wahrscheinlich nicht danach streben, einen Handwerksberuf auszuüben. Die Schule müsste hier also eigentlich kompensierend auftreten. Auch das ist für mich eine Vorbereitung auf die digitale Welt: dass Kinder in der Schule die analogen Fertigkeiten lernen, die in der Berufswelt nach wie vor gebraucht werden, aber durch den Medienkonsum zu verkümmern drohen.

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