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Corona-Schulschließungen : Die Generation der Bildungsverlierer

  • -Aktualisiert am

Verwaiste Gebäude und Klassenräume während der Schulschließungen Bild: dpa

Fast ein Drittel des Schuljahres sind für Kinder und Jugendliche durch den Corona-Lockdown verloren gegangen. Zu befürchten ist, dass die unterrichtsfreie Zeit zu erheblichen Lernrückständen geführt hat.

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          Als Folge stark ansteigender Covid-19-Infektionszahlen begann Mitte März in allen 16 Ländern der Shutdown, der zur Schließung sämtlicher Schulen und Kitas in Deutschland führte. Kinder und Jugendliche wurden ins selbstorganisierte häusliche Lernen geschickt, pädagogische Fachkräfte aus ihrer Verantwortung für frühe Bildungsprozesse entlassen, Lehrkräfte aufgefordert, die Schüler mit Aufträgen fürs häusliche Arbeiten zu versorgen, und Eltern gebeten, die Rolle der Lehrer beim Beaufsichtigen und Unterstützen ihrer Kinder zu übernehmen.

          Rund vier Wochen später gab die dritte Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina relativ konkrete Hinweise, wie man vorsichtig die Schulen wieder öffnen könne, um die befürchteten negativen Konsequenzen fehlender Beschulung zumindest zu reduzieren. Ende April kamen dann die ersten kleinen Lerngruppen ausgewählter Klassenstufen für wenige Stunden wieder in die Schule, und seit kurzem gilt in verschiedenen Bundesländern, dass Kitas und Grundschulen wieder im Vollbetrieb ohne Einhaltung der Abstandsregeln laufen sollen.

          Zu wünschen ist, dass dieser Vollbetrieb möglichst rasch nach den Sommerferien auch auf die Sekundarstufen I und II ausgedehnt wird, denn schon jetzt gilt, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen – zumindest was den Präsenzbetrieb in der Schule betrifft – rund ein Drittel eines Schuljahres durch die Schließungen verloren haben. Zu wünschen ist auch, dass nicht jede Neuinfektion einer Lehrkraft oder eines Schülers gleich wieder zur Schließung der gesamten Schule führt.

          Schließlich ist zu hoffen, dass sich eine evidenzbasierte Einschätzung durchsetzt, wonach nicht jeder männliche Lehrer über 55 Jahren zur Risikogruppe zählt und deshalb vom Präsenzunterricht ausgeschlossen werden muss. Denn eines ist sicher: Weder die Eltern, die sich sicherlich die größte Mühe bei der Unterstützung ihrer Kinder beim häuslichen Lernen geben, noch die existierenden digitalen Lehr-/Lernangebote, die vielfach anachronistisch anmuten, können Lehrkräfte beim Anbahnen von Lernprozessen ersetzen.

          Soziale Ungleichheit nimmt in unterrichtsfreier Zeit zu

          Die Einführung neuer Inhalte und Fertigkeiten und damit verbunden ihre Vertiefung und intelligente Einübung erfordern professionelle Kompetenzen, über die Eltern nur verfügen, wenn sie selbst Lehrkräfte sind. Intelligente digitale Lernumgebungen, die ansatzweise solche Leistungen erbringen könnten, sind in deutschen Schulen Mangelware, nicht zuletzt weil es bis heute nicht gelungen ist, eine Strategie zur umfänglichen Entwicklung intelligenter Lernsoftware für die Schulen zu entwickeln.

          Zu befürchten ist daher, dass die Wochen und Monate geschlossener Schulen zu erheblichen Lernrückständen bei den Kindern und Jugendlichen geführt haben. Genährt wird diese Befürchtung aus einigen empirischen Untersuchungen, in denen analysiert wurde, welche Effekte längere Beschulungspausen beziehungsweise -lücken auf Wissens- und Kompetenzstände von Schülerinnen und Schülern haben.

          In den Vereinigten Staaten gibt es eine Forschungstradition, negative Effekte der dort dreimonatigen Sommerferien auf Lernkurven zu untersuchen. In der Tat lässt sich dort belegen, dass es bei den sozial und kulturell benachteiligten Schülern zu Vergessenseffekten kommt. In den privilegierten Familien dagegen erhalten die Kinder in den Ferien oftmals zusätzliche Angebote (Summer Camps), welche die negativen Effekte fehlender Beschulung ausgleichen können. Soziale Ungleichheit nimmt also in den unterrichtsfreien Zeiten zu. In den wenigen internationalen Studien, die sich mit den Folgen streikbedingter Schulschließungen beschäftigten, konnte nachgewiesen werden, dass die betroffenen Schüler eine höheres Risiko von Klassenwiederholungen hatten und niedrigere Bildungsabschlüsse erreichten als Schüler, deren Schulen nicht vom Streik betroffen waren.

          Vor kurzem hat der Münchener Bildungsökonom Ludger Wößmann auf die langfristig negativen Effekte der Kurzschuljahre in den sechziger Jahren hingewiesen. Die damals betroffenen Schüler in verschiedenen westdeutschen Bundesländern wiesen noch rund 45 Jahre später nachweislich geringere mathematische Kompetenzen als Vergleichsschüler auf, die nicht in den „Genuss der Kurzschuljahre“ gekommen waren.

          Weitere, vor allem amerikanische Studien, in denen kriegsbedingte oder durch Naturkatastrophen erzeugte Schulschließungen analysiert wurden, konnten nachweisen, dass die fehlende Beschulung sogar negative Effekte auf die allgemeine kognitive Entwicklung hatte. Nicht beschulte Kinder wiesen also gegenüber beschulten Vergleichskindern ungünstigere Intelligenzentwicklungen auf. Der einzige Lichtblick in den bisher vorliegenden empirischen Befunden ist, dass Schüler mit steigendem Alter in der Schule immer weniger lernen. Vermutlich, ja hoffentlich, vergessen diese älteren Schüler auch weniger in der Krise.

          Vergegenwärtigt man sich aber insgesamt, welche hohe Bedeutung schulische Leistungen und allgemeine kognitive Fähigkeiten für die individuelle berufliche Karriere haben und wie stark sie zum volkswirtschaftlichen Nutzen einer Industrienation beitragen, so bedeuten die Schulschließungen und damit verbundenen Unterrichtsausfälle im ungünstigsten Fall, dass langfristig die jetzigen Scharen von Kindern und Jugendlichen individuell und kollektiv die negativen Folgen der Krise tragen werden, zumal sich der Shutdown im Schulsystem auf andere Krisenherde setzte.

          Das gilt für den schon länger beobachtbaren Lehrermangel in den Ländern, der mit Quer- und Seiteneinsteigern versucht wird zu kompensieren; die immer noch vor allem im Fach Mathematik existierende Praxis fachfremden Unterrichtens; die noch nicht erfolgreich abgeschlossene Inklusion von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und den Anstieg der Gruppe von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft, die sozial und kulturell benachteiligt sind und zusätzliche schulische Unterstützungsangebote benötigen.

          Es wäre deshalb gut, wenn im neuen Schuljahr eine zügige Rückkehr zum Normalbetrieb gelänge, Schüler also fünf Tage die Woche wenigstens den Vormittag und viele von ihnen hoffentlich auch noch den Nachmittag in der Schule verbringen. Sofern das System keine Generationen von Bildungsverlierern produzieren möchte, wird es nötig sein, kompensatorische Zusatzangebote vor allem für benachteiligte Schüler zu machen. Nachmittags-, Wochenend- und Ferienangebote sollten nicht tabuisiert werden. Dass diese Zusatzangebote nicht allein auf dem Rücken der Lehrer abgeladen werden können, muss nicht eigens betont werden.

          Lehramtsstudierende und pensionierte Lehrkräfte können aushelfen

          Lehramtsstudierende oder pensionierte Lehrkräfte könnten hier qualifizierte Unterstützer solcher Maßnahmen sein. Erfolgreich können solche kompensatorischen Angebote aber nur sein, wenn sie auf einer wissenschaftsbasierten Feststellung der Lernausgangslagen der Schüler basieren. Nur wer über Instrumente zur Feststellung von Schwächen verfügt, kann geeignete Maßnahmen zu ihrer Beseitigung ergreifen.

          Die Länder werden hier in der Pflicht sein, ihre Schulen aufzufordern – so dies nicht ohnehin schon Praxis ist –, die Lernstände zu Beginn des Schuljahres 2020/21 festzustellen. Um weiteren Unterrichtsausfall zu mindern, wird es wichtig sein, Strategien für den Umgang mit Neuinfektionen zu entwickeln, die nicht gleich zu kompletten Schulschließungen führen, wie dies Anfang Juni in Göttingen der Fall war. Folgt man Virologen, so verfügt Deutschland mittlerweile über eine Corona-Test-Infrastruktur, die anlassbezogen schnelle Testungen erlaubt und so nicht nur Infektionen feststellen, sondern auch weitere ausschließen und damit die Infektionsängste vor Ort reduzieren kann.

          Für den Fall einer zweiten Infektionswelle ist zu wünschen, dass sich in den nächsten Monaten in Deutschland das wiederholt, was vor einigen Jahren in Dänemark stattgefunden hat, als das gesamte Bildungssystem digitalisiert wurde. Schüler sind es seitdem gewohnt, neben traditionellen Präsenzangeboten im Unterricht digitale Lernumgebungen für das eigene Arbeiten zu nutzen.

          Als Folge dessen sind die rund vierwöchigen Schulschließungen fast spurlos an allen Beteiligten vorbeigegangen. Die digitale Vernetzung zwischen Lehrern und Schülern hat also ganz im Gegensatz zu Deutschland zu einer weitgehenden Aufrechterhaltung des Betriebs geführt. Immerhin, der DigitalPakt Schule bei uns ist auf dem Weg, die Infrastruktur wird ausgebaut, erste Programme zur Bereitstellung von digitalen Endgeräten für bildungsferne Familien haben begonnen, datenschutzkonforme Videokonferenzsysteme werden den Schulen zunehmend zur Verfügung gestellt. Zu wünschen sind weitere Initiativen von Bund und Ländern, vielleicht gemeinsam mit Schulbuchverlagen und großen Softwareherstellern, die dazu führen, dass Lernen als Bewegung in intelligenten digitalen Welten erlebt wird und nicht als Download von PDF-Dateien die dann wie im vorherigen Jahrhundert bearbeitet werden.

          Der Autor ist Psychologe und Geschäftsführender Direktor des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel.

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