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Corona-Schule : Welche Standards brauchen wir fürs Homeschooling?

Manchen Schülern droht der Unterrichtsstoff beim Homeschooling zu entgleiten. Zunehmend fordern Eltern klare Richtlinien für den Fernunterricht. Bild: dpa

Der Distanzunterricht an deutschen Schulen geht in die Verlängerung, die Unzufriedenheit der Beteiligten nimmt zu. Wo bleiben die tragfähigen Konzepte? Die Schulforscherin Birgit Eickelmann im Interview.

          7 Min.

          Zwei Monate Distanzunterricht – und noch immer fehlt an vielen Schulen ein Konzept für das Homeschooling. Warum gibt es eigentlich keine Mindeststandards für Fernunterricht? Die Unzufriedenheit aller Beteiligten nimmt ja zu – und der Fernunterricht kann noch weit ins nächste Schuljahr hineinreichen.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Zunächst waren die Schulen im März von der Situation geradezu überrollt. Am Donnerstag und Freitag wurde entschieden, dass die Schulen geschlossen werden müssen, am Montag waren sie es bereits. Wir haben dann viele innovative Konzepte gesehen und viel Engagement bei den Lehrkräften. Sehr zügig wurden die ersten guten Ideen für die Fortführung von Unterricht und die Aufrechterhaltung des Kontaktes mit den Schülerinnen und Schülern über das dazwischen liegende Wochenende entwickelt. Wir haben aber auch ein Phänomen erlebt, das wir häufiger im Schulsystem beobachten können: Wenn Probleme auftreten, wird deren Behebung erst einmal den Lehrkräften und Schulen aufgelastet. Diese mussten schnell alleine und für sich Konzepte erarbeiten, während die Bildungsadministration in dieser neuartigen Situation – die Schulen waren ja in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg dauerhaft geöffnet – noch keine Gestaltungsorientierung gegeben hat. Man hätte auch auf dieser Ebene schnell damit beginnen müssen, die Schulen beim Erarbeiten von Konzepten zu unterstützen und bei der Frage: Wie kann man Schulen unter den spezifischen Bedingungen vor Ort organisieren? Sehr gut konnte man dann beobachten, dass sehr viel Energie und Zeit in verschiedene Einzelthemen investiert wurde. Vor allem in die Frage der Abschlussprüfungen, die ja auch sehr wichtig ist. Grundsätzlicher hätte man sich aber vor allem die Frage stellen müssen: Wie kann Distanzlernen mit Qualität ausgestaltet werden? Was sind Qualitätskriterien für das Lernen? Wie können alle Schülerinnen und Schüler erreicht werden und welche Bedingungen müssen für die Aufrechterhaltung von guten Lehr-Lernprozessen bereitgestellt werden? Da sind die digitalen Infrastrukturen nur ein Teilaspekt, aber wie sich gezeigt hat, ein sehr wichtiger.

          Wie sehen diese Qualitätskriterien aus Ihrer Sicht aus?

          Prof. Birgit Eickelmann unterrichtet Schulpädagogik an der Universität Paderborn.

          Bisher hatten wir ein eher krisenhaftes Distanzlernen, dieser Begriff passt vielleicht am besten. Wir haben ja mit der Vodafone-Stiftung eine Studie durchgeführt, die zu dem Ergebnis kam, dass nur etwa dreißig Prozent der Schulen in der ersten Phase überhaupt ein Konzept für das Distanzlernen entwickelt hatten. Meiner Meinung nach wäre es wichtig gewesen, alle Schulen darauf zu verpflichten, ein solches Konzept unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Bedingungen zu erstellen. Dann hätte man vielleicht auch die Situation vermieden, dass viele Lehrkräfte alleine, quasi im Regen, standen. Und das waren laut unserer Studie immerhin 25 Prozent. Doch über diese erste Phase sind wir jetzt hinaus. Die Konzepte, die erstellt wurden, zum Teil richtig gute, sind wegen der begonnenen Schulöffnungen teilweise auch schon wieder hinfällig. Viele Schulen, das sieht man in den sozialen Medien, hätten sich durchaus auch vorstellen können, das Distanzlernen bis zu den Sommerferien aufrechtzuerhalten. Aber jetzt sind schon wieder neue Konzepte gefragt, die Denk- und Planungsarbeit ist neu zu leisten. Und die Stimmung ist sehr gemischt: Die Bandbreite auf lokaler Ebene reicht von großer Zufriedenheit mit der Situation bei Schülern, Eltern und Lehrern bis hin zu großer Unzufriedenheit. Wobei die große Unzufriedenheit vielfach daran festgemacht wird, dass Schulen und Lehrkräfte nun sichere und verlässliche Konzepte sehen möchten, solche, die aufzeigen, wie es weitergeht. Eltern möchten klar erkennen können, dass die Bildungschancen der eigenen Kinder nicht durch diese besondere krisenhafte Situation beeinträchtigt werden. Zweifellos haben wir über die Ostertage hinweg Zeit verschenkt. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass man nach Ostern schon ein kreatives Konzept gehabt hätte, das so tragfähig gewesen wäre, dass es einen klaren Kompass für die Zeit bis zu den Sommerferien bereitgestellt hätte. Die Schulen hätten dann die Möglichkeit gehabt, ein übergreifendes Konzept auf ihre eigene Situation zu übertragen. Stattdessen ist man sehr kleinschrittig vorgegangen, was mancherorts zu vielen Reibungsverlusten geführt hat. Aus der Schulforschung wissen wir aber auch, dass man nicht alles top down regeln kann. Die Einzelschule ist die pädagogische Handlungseinheit. Daher müssen auch die Schulen in die Pflicht genommen werden, für ihre Situation passende pädagogische Konzepte zu entwickeln. Dafür müssen aber Grundrichtung und Voraussetzungen vorgegeben werden. Man muss also künftig übergreifende Konzepte schaffen, die den Schulen genügend Handlungsspielraum zur Ausgestaltung geben. Dafür sollten übergreifend Mindeststandards oder vielleicht noch wichtiger: Kriterien aufgestellt werden. 

          Viele Eltern haben derzeit das Gefühl eines Kontrollverlusts, weil ihre Kinder zum Teil ein erstaunlich geringes Arbeitspensum haben, ihre Aufgaben mühsam auf unterschiedlichen Plattformen zu ungewissen Zeiten zusammensuchen müssen und kaum Feedback bekommen.

          Wichtig ist erst einmal, dass alle Schülerinnen und Schüler erreicht werden können, dass alle die notwendigen Voraussetzungen haben, um zu Hause und in der Schule zu arbeiten. Das kam auch bei unserer Studie heraus. Dann brauchen Schüler natürlich Feedback, das müssen alle Lehrer geben. Nur Aufgaben bereitzustellen, reicht nicht. Letztlich geht es um die Begleitung von Lernprozessen. Dabei müssen wir jetzt kreativ werden und auch Finanzmittel einsetzen: Wenn an einer Schule Personal fehlt, weil zum Beispiel viele Lehrerinnen und Lehrer zu einer Risikogruppe zählen, könnte man doch darüber nachdenken, Lehramtsstudierende einzusetzen, die ja zum Teil ihre Nebenjobs verloren haben. Die Gesundheitsämter haben es ähnlich gemacht und Medizinstudierende eingesetzt. Und wenn in einer Schule die Raumkapazitäten zu klein sind, gerade vor dem Hintergrund der Hygienestandards, ist auch das kein unlösbares Problem. In dem Ort, in dem ich wohne, steht neben der Grundschule zum Beispiel eine leere Volkshochschule, da könnte man gut die dritten und vierten Schuljahre eine Zeitlang unterbringen. Mit Maßnahmen wie diesen könnte man mit relativ wenig Aufwand das Präsenzangebot vergrößern, um dazu beizutragen, die Kontakte und Beziehungsstrukturen in den Schulen wieder aufzubauen. Hierzu brauchen wir die Kooperationen vor Ort mit den Schulträgern und passende Regelungen, die dann die Schulen auf ihre Bedürfnisse angepasst umsetzen können. Und wir müssen schneller werden. Es scheint mir eine sehr deutsche Eigenart zu sein: Wir arbeiten so lange an Konzepten, bis sie von der Wirklichkeit schon wieder überholt sind. Wir müssen auch flexibler sein: Wir brauchen für die Zeit nach den Sommerferien mehrere Szenarien, auch einen Notfallplan, falls die Infektionszahlen wieder ansteigen, was ja gut passieren kann. Wir müssen es einfach als Gesellschaft schaffen, dass diese Pandemie nicht zu Lasten der Kinder und der der Schulen geht.

          Wenn wir es realistisch betrachten, wird bis zu den Sommerferien für die einzelnen Klassen nicht mehr viel Präsenzunterricht stattfinden, Lehrerverbände haben ausgerechnet, dass schon der Wochenwechsel bei der jetzigen Personaldecke überambitioniert wäre. Das wiederum machte eine gute Verzahnung von Präsenz- und Distanzunterricht notwendig. Ist das nicht eine Kunst für sich und eine große organisatorische Herausforderung?

          Ja, Lehrer müssen sich auf diese wenigen Präsenzstunden sehr gut vorbereiten. In der Präsenzzeit wird es nicht darum gehen, normalen Unterricht zu machen, etwa große Hausaufgabenpakete zu schnüren. Vielmehr gilt es, möglichst viele Zusammenhänge anzuregen, in den Austausch zu kommen,um in der Distanzphase möglichst viel zu bewirken und alle mitzunehmen. Dafür müssen wir aber jetzt schon den Schulen und den Lehrkräften Strukturen geben. Ich glaube, dass mit einem guten Konzept gute didaktische Settings möglich wären. Ich fände es zum Beispiel sinnvoll, dazu anzuleiten, dass die Schülerinnen und Schüler in der Übergangszeit zwischen den Präsenzterminen in Lerngruppen zusammenarbeiten und sich in Videokonferenzen treffen. Schüler könnten sich hier auch gegenseitig die Aufgaben kontrollieren, Feedback geben, was die Lehrkräfte dann wiederum entlasten würde. Dabei würden gleichzeitig nützliche Kompetenzen fürs 21. Jahrhundert vermittelt. Aber für solche Aufgaben müssten die Lehrerinnen und Lehrer sowohl die Möglichkeiten haben als auch die Kompetenzen – und klare Vorgaben, in welche Richtung der Zug eigentlich fahren soll. Was Lehrer in Zukunft nicht dauerhaft leisten können, ist neben dem permanenten Präsenzunterricht für verschiedene Gruppen auch noch die im Distanzunterricht Lernenden zu betreuen.

          Zu berücksichtigen ist auch, dass die Betreuungsgruppen wohl immer größer werden.

          Wir haben ja gesehen, dass in vielen Grundschulen die Lehrkräfte als Betreuung in die Schule kommen mussten. Das ging in der Anfangsphase vielleicht nicht anders, aber in der Zeit der Betreuung hatten sie dann nicht die Möglichkeit, schulische Konzepte zu erarbeiten und für alle Schülerinnen und Schüler Lernprozesse zu generieren. Was die Frage aufwirft: Wer muss eine Notbetreuung eigentlich garantieren? Die Lehrkräfte – deren Funktion es in der aktuellen Situation vor allem sein sollte, die Schülerinnen und Schüler mit möglichst wenig Lücken fachlich und sozial aus dieser Krise herauszuführen? Das ist eine große gesellschaftliche Aufgabe, und wir sollten als reiche Nation die Kosten nicht scheuen, um alle Hebel in Bewegung zu setzen. Würde jede Schule durch – sagen wir – fünf Lehramtsstudierende unterstützt, wäre schon viel gewonnen.

          Um Fortbildungen in den Sommerferien kommen die Lehrer aber wohl nicht herum? Allein die Verzahnung von Präsenz und Distanz ist ja hochkomplex.

          Für wichtiger noch halte ich es, direkt und ehrlich zu sagen: Damit es am ersten Schultag nach den Sommerferien wirklich reibungslos weitergeht, müssen die Schulen einen Teil der Sommerferien dazu nutzen, gute Konzepte für ihren schulischen Kontext zu entwickeln. Das ist in den Osterferien auch schon zum Teil in den Kollegien geschehen, während die Bildungsadministration die Ferien aus meiner Sicht ein Stückweit verschlafen hat, mit der Entschuldigung, dass das Infektionsgeschehen jetzt erst einmal eine Weile beobachtet werden müsse. Diese Zeit haben wir aber nicht. Wie jede Schule ein Hygienekonzept vorlegen musste, müsste sie jetzt ein pädagogisches erarbeiten. Dazu muss es Vorgaben geben. Und es muss auch darauf geachtet werden, dass Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Haushalten nicht noch benachteiligt werden. Es müsste geklärt werden, wer in der Zeit des Lernens zu Hause zusätzliche Hilfestellungen braucht.

          Eine Frage an Sie als Wissenschaftlerin: Haben die Lehrer genug pädagogischen Input, um zum Beispiel die Präsenz-Distanz-Verzahnung auszugestalten?

          Grundsätzlich gibt es diese Konzepte, blended learning werden sie genannt, und auch für das Distanz- und Fernlernen gibt es natürlich Qualitätsaspekte. Aber eine Ausbildung für die Situation, in der wir uns befinden, gibt es in Deutschland nicht. Doch es ist festzustellen, dass es in den sozialen Medien unter Lehrern einen großen Austausch genau über diese Fragen gibt. Es gibt viele kreative Ideen. Eine Schule hat zum Beispiel die Abiturvorbereitung als digitales Barcamp organisiert, andere Schulen haben das übernommen. Und es ist so gut gelaufen, dass die Abiturienten gesagt haben, man sollte das beibehalten, auch nach Corona. Ich gehe immer noch davon aus, dass, wenn man Lehrkräfte wertschätzend im System behandelt, unheimlich viel Innovation und Engagement zurückkommt. Und wir brauchen in den Schulen im Moment jeden und jede.

          Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

          Prof. Birgit Eickelmann unterrichtet Schulpädagogik an der Universität Paderborn und hat gemeinsam mit PD Dr. Kerstin Drossel die Vodafone-Studie „Schule auf Distanz“ entwickelt.

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