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Lob des Distanzunterrichts : Lehren eines Referendars aus der Corona-Krise

  • -Aktualisiert am

Es ist nicht alles schlecht: Lehrerin im Distanzunterricht Bild: EPA

Der Distanzunterricht von deutschen Schulen ist viel kritisiert worden. Dabei traten seine Vorteile in den Hintergrund. Zu Unrecht, findet unser Autor, ein Lehramtskandidat, der ihm einiges abgewinnen kann.

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          Aktuell wird in der didaktischen Forschung und der Schulpraxis Wert auf induktives Lernen gelegt. Damit ist gemeint, dass jeder Schüler in seinem eigenen Tempo lernt, sich nach seiner Motivationslage den Stoff selbst wählt und seinen Lernprozess so selbständig wie möglich organisiert. All das sind Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen, wie die moderne Lernforschung dutzendfach belegt hat. Hinter dieser Lernprämisse steckt auch die nachvollziehbare Erkenntnis, dass jeder Mensch verschieden ist und unterschiedliche Interessenlagen hat. Im Schulalltag führt das allerdings zu dem, was den Autor in seinem Referendariat am meisten frustriert hat: Nach einer profunden und weitläufigen Ausbildung sollte er lediglich die Aufgabe eines Aufgabendispatchers einnehmen und so wenig wie möglich selbst reden.

          Der Präsenzunterricht und Schule allgemein versuchen, dem Paradigma des induktiven Lernens gerecht zu werden. Damit handelt sich Schule einen unauflösbaren Widerspruch ein: Induktives Lernen, Freiheit und Vielfalt lassen sich mit den staatlichen Anforderungen an Schule und den damit verbundenen Machtdispositiven nämlich im Grunde nicht verbinden. Dieser Widerspruch war im Alltag vor Corona dermaßen zur Routine geworden, dass er lediglich der Forschung auffiel – Lehrer und Schüler bewegen sich in diesen Widersprüchen recht trittsicher. Jeder Schüler weiß genau, wann er zu gehorchen hat. Jedem Lehrer ist unterbewusst klar, dass die Frage „Macht mal jemand das Fenster auf?!“ formal ein Befehl ist.

          Der durch die Corona-Krise notwendig gewordene Distanzunterricht bringt nun ein Dilemma hervor: Einerseits fordert und fördert er in höchstem Maße das induktive Lernen – Kinder müssen sich noch mehr als sonst Gegenstände aus sich heraus erklären –, andererseits lässt sich im Distanzunterricht deutlich schlechter der Lernstand der Schüler diagnostizieren, sie sind schließlich die meiste Zeit dem Auge des Lehrers entzogen. Die Diagnose des Lernstandes und der Lerngruppe ist aber unbedingte Voraussetzung für eine angepasste, individuelle Aufgabenstellung.

          Die Insel der Glückseligen – Vorteile des reinen Teleunterrichts

          Eines muss man der erzwungenen Hilfsform der Online-Beschulung lassen, und das ist vielleicht ihre größte Errungenschaft: Sie lässt einen Unterricht entstehen, der auf Freiwilligkeit basiert. Ich durfte während des Corona-Fernunterrichts keine Anwesenheitslisten führen und war dankbar, dass dieses zeitraubende Ritual der Macht wegfiel. Wenn ein Schüler während der Videotreffen etwas Besseres zu tun hatte, konnte ich ihn nicht verpflichten, teilzunehmen. Meine Rolle beschränkte sich darauf, allenfalls Empfehlungen zu geben, sich mit diesem oder jenem Inhalt auseinanderzusetzen, denn zensieren durfte ich die erbrachten Leistungen nicht.

          Im reinen Teleunterricht bin ich wahrer Lernbegleiter und nicht Zuchtmeister – in meinen Augen sind das ganz entscheidende Voraussetzung für die Lernmotivation und den Lernerfolg meiner Schüler. Dementsprechend hatte ich auch keine disziplinarischen Probleme wie sonst. Nur diejenigen, die interessiert sind, nahmen an den Online-Treffen teil, und das war ein konstant hoher Anteil der gesamten Klasse. Wobei ein gewisser Gruppendruck wohl nicht zu unterschätzen ist. Interessant auch: Meine größten Störer waren auf einmal – vermutlich wegen der geänderten sozialen Rolle und des Einblicks in ihre Kinderzimmer – lammfromm und beteiligen sich sogar.

          Für mich selbst stellte die neue Art des Teleunterrichts einen Zugewinn an persönlicher Freiheit dar. Ich konnte in Absprache mit den Schülern den Unterricht so legen, dass er gut passte. So konnte ich meine Arbeitszeit effektiver für die Planung des Unterrichts nutzen, die im Normalbetrieb irgendwann zwischendurch eingeschoben wird. Außerdem musste ich keine Raumwechsel vornehmen, mich nicht blitzschnell auf nicht funktionierende Technik einstellen und musste keine unvorhersehbaren Türgespräche führen, die zum zusätzlichen Gehetztsein beitragen. Ein weiterer Vorteil bestand in der Möglichkeit, dass auch kranke Schüler den Unterricht verfolgen konnten, wenn sie das wollten.

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