https://www.faz.net/-gyl-9x5xo

Ungerechtes Abitur : Es ist etwas faul in der Bildungsrepublik Deutschland

  • -Aktualisiert am

Bei der Vergabe der deutschen Hochschulreife geht es alles andere als gerecht zu. Bild: Picture-Alliance

In Hamburg und Berlin absolvieren viel mehr Schüler ein Abitur als in Bayern – obwohl ihre Leistungen schlechter sind. Das Abitur ist ungerecht und Schuld ist der Bildungsföderalismus. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Die Lage des deutschen Abiturs ist miserabel. Weder ist mit dem Zertifikat für die „allgemeine Hochschulreife“ die Studierfähigkeit ihrer Inhaber verbürgt, noch geht es in Deutschland in Sachen Hochschulreife bei dessen Vergabe gerecht zu. Die Abiturienten aus Thüringen freuen sich über eine Abiturnote von durchschnittlich 2,16. Fast 40 Prozent absolvieren ihr Abitur dort mit einer Eins vor dem Komma. Damit haben sie die besten Chancen in Deutschland, ihren Wunschstudienplatz zu ergattern. Das wäre ja in Ordnung, wenn die Thüringer tatsächlich die besten Leistungen hätten. Das aber ist nachweislich nicht der Fall.

          In Hamburg und Berlin wiederum absolvieren sogar mehr als die Hälfte aller Schüler das Abitur. In Bayern hingegen sind es „nur“ etwas mehr als 30 Prozent. Auch das ginge in Ordnung, wenn die Schülerleistungen in den Stadtstaaten besser wären als in Bayern. Das sind sie aber nicht.

          Während Bayern neben Sachsen regelmäßig die einschlägigen Leistungs-Rankings anführt, landen Berlin und Hamburg zuverlässig weit hinten. Aber auch in Bayern ist nicht alles Gold, was glänzt: Auch dort verfehlen viele Schüler die Regelstandards des Abiturs – und erhalten es trotzdem. Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen, um sicher zu sein: Es ist etwas faul in der Bildungsrepublik Deutschland.

          Eine Mehrheit lehnt den Bildungsföderalismus ab

          Das ist keine Kleinigkeit, sondern ein staatspolitischer Skandal. Das Grundgesetz garantiert seinen Bürgern deren Gleichbehandlung durch den Staat sowie „gleichwertige Lebensverhältnisse“. Davon kann, und das im Grunde seit Gründung der Bundesrepublik, beim Abitur keine Rede sein. Der Staat nimmt einfach hin, dass die verfassungsmäßigen Rechte seiner Bürger in einem der wichtigsten Politikfelder mit Füßen getreten werden. Zwar wird das Bundesverfassungsgericht nicht müde, die „eingeschränkte länderübergreifende Vergleichbarkeit“ der Abiturnoten zu kritisieren, grundsätzlich geändert indes hat sich seit Jahrzehnten nichts. Und dafür gibt es einen einfachen, aber gewichtigen Grund: den Bildungsföderalismus.

          Die Bundesländer können die Bildungserfolge ihrer Schüler nahezu beliebig manipulieren, durch unterschiedliche Stundentafeln, das Niveau von Unterricht und Prüfungen, die Anzahl der Prüfungsfächer oder die Benotungsregeln. Die Bevölkerung sieht dieses Chaos bereits seit vielen Jahren kritisch. Umfrage für Umfrage ergibt verlässlich dasselbe Resultat: 80 bis 90 Prozent der Befragten wünschen sich bundesweit einheitliche Abschlussprüfungen in allen Schularten. Aber dazu müsste man natürlich in allen Ländern zuvor inhaltlich vergleichbaren Unterricht auf vergleichbarem Niveau besucht haben. Kein Wunder, dass eine Mehrheit der Bevölkerung auch gleich den Bildungsföderalismus ganz ablehnt.

          Warum weigert sich die Politik, dem Flehen der Bürger nachzugeben – ausgerechnet in einer Demokratie? Machen wir dazu ein Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, Sie wären Bildungssenator von Hamburg oder Berlin und wollten in der Kultusministerkonferenz ein echtes Zentralabitur durchsetzen. Es gibt im Prinzip nur drei Möglichkeiten:

          Weitere Themen

          Jeder testet für sich allein

          Infektionsschutz an Schulen : Jeder testet für sich allein

          Die Kultusminister konnten sich nicht auf eine Testpflicht für Schulen einigen. Schüler und Lehrer sollen sich weiter auf freiwilliger Basis testen. In Baden-Württemberg darf das Schulgelände bald nur noch mit einem negativen Test betreten werden.

          Topmeldungen

          Im rheinland-pfälzischen Wissen wird Fichtenholz zum Transport nach China in Überseecontainer verladen.

          Zunehmende Knappheit : Panik am Holzmarkt

          Auf Baustellen wird das Holz knapp. Sägewerke kommen nicht mehr nach, Amerikaner zahlen das Dreifache – und das „Käferholz“ wandert containerweise nach China. Klar ist nur eins: Bauen wird teurer.
          Besucher vor dem Logo der Winterspiele.

          Olympia-Boykott in China? : Spiel mit dem Feuer

          Boykott der Winterspiele 2022 in Peking oder nicht? Die einen nutzen den Krawall, andere wollen die Beziehung zu Wirtschaftsmacht China nicht gefährden. Was hinter alldem steckt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.