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Beliebige Leseförderung : „Es fehlt ein strategisch verknüpfter Bildungsplan“

Sitzecke in der norwegischen Kinder- und Jugendbücherei „Biblo Tøyen“, die wie ein Abenteuerspielplatz aufgebaut ist. Bild: Picture-Alliance

Leseförderung in Deutschland ist unstrukturiert und lückenhaft, sagt Manuela Hantschel vom Bundesverband der Literaturpädagogen. Die Schulbibliotheken müssten als Gelenkstellen entdeckt werden.

          7 Min.

          Wie gut ist aus Ihrer Sicht derzeit die Leseförderung in Deutschland?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Manuela Hantschel: Sie ist zunächst einmal sehr vielfältig. Es gibt viele Projekte und Initiativen, die in regional begrenzten Räumen gut und kontinuierlich funktionieren, weil Menschen sich der Leseförderung intensiv widmen, in Bibliotheken, Schulbibliotheken, in der Nachmittagsbetreuung oder im Buchhandel. Vorlesepaten gehen in Schulen, außerschulische Angebote im Bereich der kulturellen Jugendarbeit sind je nach Bundesland unterschiedlich verankert. Die im Ehrenamt tätigen Vorlesepaten und Mentoren haben in der Pandemie keinen Zutritt mehr in den Schulen. Vor allem die Leselernhelfer fehlen schmerzhaft und können die Vergrößerung der Bildungslücke nicht abmildern. Lediglich die Erzieherinnen in der Offenen Ganztagsschule haben vielleicht etwas mehr Zeit gewonnen und könnten mit weniger Kindern zielgerichteter arbeiten. Insgesamt fehlt aber eine strukturierte Herangehensweise bei der Leseförderung in Deutschland.

          Ihr Verband hat sich der Leseförderung verschrieben. Was genau tun Sie?

          Der Bundesverband Leseförderung wurde 2009 mit dem Ziel gegründet, als Netzwerk und Diskussionspartner für alle Berufs- und Interessengruppen tätig zu sein, die sich im weiten Feld der Leseförderung engagieren. Unser Eindruck, gerade nach den desaströsen Ergebnissen der Pisa-Studien, war: Leseförderung ist zu beliebig in Deutschland. Nicht, dass ich das gutgewillte Engagement von ehrenamtlichen Vorlesepaten oder Institutionen negativ darstellen möchte, aber es fehlt ein strategisch verknüpfter Bildungsplan. Wir haben daher überlegt, was es braucht, um Leseförderung auf einen Qualitätsstandard zu heben. Daraus entstand der Gedanke: Wir brauchen ein Curriculum, das die Qualifizierung der Leseförderung genauer definiert. Dieses Curriculum haben wir nach unserer Gründung in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern sowie Personen und Institutionen, die in der außerschulischen kulturellen Bildung tätig waren, innerhalb von zweieinhalb Jahren entwickelt. Anschließend haben wir Institutionen gesucht, die das Programm anbieten.

          Was genau machen Sie heute?

          Manuela Hantschel ist Vorsitzende des Bundesverbandes Leseförderung e.V.
          Manuela Hantschel ist Vorsitzende des Bundesverbandes Leseförderung e.V. : Bild: privat

          Wir als Bundesverband sind eine Dachorganisation, unsere knapp zweihundert Mitglieder sind Leseförderer in Verlagen, Bibliotheken und anderen Institutionen. Sie sind literaturpädagogisch freiberuflich tätig oder angestellt, auch Vorlesepaten sind darunter. Wir treten für eine Professionalisierung der Leseförderung ein.

          Ihr Programm wird als Weiterbildung angeboten?

          Ja, es gibt bundesweit mehrere Institutionen, die die Qualifizierung „Lese- und Literaturpädagogik“ nach unserem Curriculum in unterschiedlichem Umfang anbieten. Bei der Akademie für kulturelle Bildung kann man zum Beispiel das gesamte Curriculum absolvieren, bei einigen anderen Institutionen im deutschsprachigen Bereich Teile der Weiterbildung, die man nach eigenem Zeitplan zusammenstellen kann. Wir als Bundesverband zertifizieren das jeweilige Programm, wir sind eine Art Qualitätsmesser und beraten in der Umsetzung.

          Wer lässt sich in Ihrem Sinne weiterbilden?

          Es sind leider überwiegend Frauen. Viele sind Buchhändlerinnen und Bibliothekarinnen, die erkannt haben, dass Kinder- und Jugendliteratur eine professionelle Vermittlung benötigt und dass es immer stärker bestimmter Methoden bedarf, um junge Menschen für ein intrinsisches Lesevergnügen zu gewinnen. Auch gibt es viele, die ehrenamtlich in Schulbibliotheken tätig sind und dort erkannt haben, dass es nicht genügt, Bücher ins Regal zu stellen, sondern es einer Aktion bedarf, die kontinuierlich angeboten wird. Schließlich gibt es noch die Menschen und Institutionen, die an der künstlerischen, kreativen Seite der Vermittlung von Literatur Interesse haben und methodisch und pädagogisch weitergebildet werden möchten. 

          Wer trägt oder bezahlt solch eine Weiterbildung?

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