https://www.faz.net/-gyl-9yasi

Geschichte in „Asterix“ : Aßen die Gallier Wildschwein?

Obelix drückt die Schulbank - die Abenteuer von Asterix & Co. erscheinen im deutschsprachigen Raum bei der Egmont Comic Collection Bild: ASTERIX®- OBELIX®- IDEFIX® / © 2020 LES EDITIONS ALBERT RENE / GOSCINNY - UDERZO

Wie historisch wahr sind die „Asterix“-Comics? Ein neuer Band für junge Leser unterscheidet Mythen von Fakten, mit teils erstaunlichen Ergebnissen. Eine willkommene Abwechslung in der Homeschooling-Tristesse.

          3 Min.

          Zwei Wochen, nachdem Albert Uderzo, der Zeichner von „Asterix“, am 24. März gestorben ist, erscheint nun in Deutschland ein neuer Band mit Geschichte rund um das uns wohlbekannte kleine gallische Dorf. Jawohl: „Geschichte“, nicht „Geschichten“. Denn Bernhard-Pierre Molin, der Autor dieses neuen Buchs, erklärt darin, was historisch wahr und was falsch ist an den Asterix-Abenteuern. Das mag angesichts der Millionenauflagen der Comicserie in Frankreich und Deutschland ein wichtiges Korrektiv für künftige Geschichtsstudenten sein. Die haben ja derzeit zumindest viel Zeit zum Lesen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Tempus fugit“ heißt der Band auf Deutsch, auch wenn das Lateinisch ist und mit „Die Zeit flieht“ zu übersetzen ist. Das vor zwei Jahren erschienene französische Original war profaner betitelt: „Astérix – Les vérités historiques expliquées“ (Asterix – Die historischen Wahrheiten erklärt). Damit wurde das pädagogisch Positive der molinschen Ausführungen betont, während die deutsche Ausgabe in ihrem Untertitel „Wahre Mythen und falsche Fakten“ verheißt, also Verwirrung. Tatsächlich versteht sich Molin aber als Aufklärer, der das Antikenbild in Asterix überprüft und Zutreffendes von Erfundenem trennt, natürlich unter Beigabe zahlreicher Bildbeispiele aus den „Asterix“-Bänden.

          Das Buch ist Bestandteil der Versilberungsbemühungen des Hachette-Verlags, der 2012 die Rechte an „Asterix“ von Uderzo und den Erben René Goscinnys, des schon 1977 gestorbenen ursprünglichen Texters der Serie, kaufte – für einen Multimillionenbetrag, der nun auch wieder eingespielt werden muss. Da reichen die neuen Abenteuer, die das Duo Jean-Yves Ferri (Texte) und Didier Conrad (Zeichnungen) alle zwei Jahren herausbringt, nicht hin. Es braucht Nebengeschäfte zur Refinanzierung: Filme, Merchandising und Bücher, so wie das von Molin. Es war das Erste seiner Art in Frankreich, während der deutsche Verlag C.H. Beck, hierzulande führend in Sachen Geschichtsbüchern, schon längst auf diese Idee gekommen war. 1998 war dort „Asterix – Die ganze Wahrheit“ des niederländischen Autorengespanns René van Royen und Sunnyva van der Vegt erschienen und hatte sich blendend verkauft. Darin war schon Etliches zu lesen, was Molin jetzt noch einmal aufgewärmt hat, etwa Antworten auf die Fragen, ob gallische Dörfer so ausgesehen haben wie in „Asterix“ oder ob tapfere Gallierkrieger tatsächlich Flügelhelme trugen. Wer das 22 Jahre alte Buch oder eine seiner vielen seitdem erschienenen Nachauflagen besitzt, braucht das neue Werk nicht.

          Ironische Geschichtsschreibung

          Obwohl es, wie gesagt, viele „Asterix“-Bilder bietet. Deutlich mehr als „Asterix – Die ganze Wahrheit“. Logisch, weil Molins Buch vom Inhaber der Weltrechte publiziert worden ist und nun von Egmont, dem deutschen „Asterix“-Verlag, übersetzt ins Programm genommen wurde (Klaus Jöken, der die letzten „Asterix“-Bände ins Deutsche brachte, zeichnet auch hier als Übersetzer verantwortlich). Mit 160 Seiten bekommt man einigen Umfang für die fünfzehn Euro, die das Buch kostet, allerdings ist der ganze Text in einer scheußlichen Comic-Typographie gesetzt, die recht wenig Text pro Seite zulässt. Und dann die vielen Bilder ... Als Lesedauer muss man dementsprechend kaum mehr als zwei Stunden ansetzen.

          Bernard-Pierre Molin, René Goscinny, Albert Uderzo: „Asterix - Tempus fugit. Wahre Mythen und falsche Fakten“. Egmont Comic Collection, broschiert, 160 S., 15 Euro.

          Nach einer Einführung in die Ereignisgeschichte Galliens und Roms im Allgemeinen und des Kriegs zwischen beiden (58 bis 52 vor Christus) im Speziellen folgen konkrete Fragen, die sich an zentralen Themen der Asterix-Geschichten orientieren. Zum Beispiel zur gesellschaftlichen Rolle von Barden oder Druiden, zu den Ernährungsgewohnheiten der echten Gallier (nein, kein Wildschwein!), ja selbst zum Namen „Gallier“ (nein, so nannten sie sich selbst gar nicht; Asterix und die Seinen gehörten am ehesten dem Stamm der Veneter an). Aber vieles in den Comics wird auch bestätigt, etwa die Darstellung der römischen Kriegsführung, der starken gallischen Frauen oder der Allgegenwart von Piratenschiffen auf den Meeren (es war in der Antike nur nicht immer dasselbe Boot). Und nach fast jeder Antwort auf solche Fragen folgt eine kürzere Rubrik mit dem hübschen Titel „Das Kleineplus“, in der historische Details des größeren Zusammenhangs erläutert werden. Didaktisch ist das gut gemacht. Seltsam nur, dass die deutsche Übersetzung bei dem „Kleineplus“ zum typisch gallischen Wendelring nicht auf dessen prominente Rolle in „Asterix und die Tochter des Vercingetorix“ eingeht. Als Molin sein Buch schrieb, war dieses Album noch nicht erschienen, aber warum besserte man da in der deutschen Fassung nicht nach?

          Aber das ist eine Kleinigkeit. Und im Ganzen überzeugt „Tempus fugit“. Auch, weil Molin es versteht, Geschichtsschreibung ironisch zu betreiben. Schön etwa im Überblick zur römischen Geschichte die lapidare Beurteilung von Nero, „dessen kurzes, wildes Leben einigen Missmut verursachte“. Molin setzt Grundlagenwissen über die Antike voraus und korrigiert oder vertieft dann unsere von „Asterix“ geprägten Kenntnisse in einzelnen Bereichen wie etwa Medizin- oder Sozialgeschichte. Und das geschieht im leicht zynisch angehauchten Tonfall eines modernen Menschen, der sich darüber wundert, wie schmutzig es an der Quelle unserer Zivilisation zugegangen ist. Diese Lektüre macht also durchaus Spaß. Wenn auch nicht so viel wie „Asterix“ selbst.

          Bernard-Pierre Molin, René Goscinny, Albert Uderzo: „Asterix - Tempus fugit. Wahre Mythen und falsche Fakten“. Egmont Comic Collection, broschiert, 160 S., 15 Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Tod von George Floyd : Im Kriegsgebiet von Minneapolis

          Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd eskaliert in Minneapolis die Lage. Der Bürgermeister ist um Deeskalation bemüht, der Gouverneur mobilisiert die Nationalgarde. Die Stadt gleicht einem Schlachtfeld.
          Konkurrenten: Donald Trump und der chinesische Präsident Xi Jinping Ende Juni 2019 beim G-20-Gipfel in Osaka

          Umgang mit der Pandemie : Wo China sein Ansehen beschädigt

          Egal ob in Europa, Amerika, Asien oder Afrika: Mit seinem Verhalten in der Corona-Krise beschädigt China sein Ansehen, das Misstrauen gegen seinen Vormachtanspruch wächst. Ein Überblick von unseren Autoren weltweit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.