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100 Jahre Grundschule : Was Hänschen nicht lernt

Umringt von Kindern: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach dem Festakt zum Jubiläum „100 Jahre Grundschule und 50 Jahre Grundschulverband“ in der Frankfurter Paulskirche Bild: dpa

Wie wichtig sind die „Kulturtechniken“ Lesen, Schreiben und Rechnen? Der Grundschulverband feiert ein Doppeljubiläum und der Bundespräsident gratuliert.

          3 Min.

          Der Festakt ist schon gut anderthalb Stunden alt, da kündigt Maresi Lassek an, „auch ein paar kritische Dinge zu sagen“. Natürlich richtet die Vorsitzende des Grundschulverbands ihre mahnenden Worte nicht an die Lehrkräfte und Festgäste im weiten Rund der Frankfurter Paulskirche, sondern an die Medien. Diese stellten in skandalisierender Weise neue pädagogische Konzepte und Methoden in Frage. „Solche Kampagnen sind gleichbedeutend mit der Aberkennung des professionellen Könnens der Lehrkräfte“, heißt es im Redeskript, aus dem Lassek zeitbedingt nur Auszüge vorträgt.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die aus Bremen stammende Verbandsvorsitzende wird nicht sehr konkret, doch zwischen den Zeilen wird deutlich, was sie meint. Man dürfe die heutige Grundschule nicht mit der von früher vergleichen, an sie nicht die Maßstäbe der Eltern und Großeltern anlegen. Heute gehe es in der Schule um eine umfassende Bildung. Also zum Beispiel darum, sich im sozialen Miteinander zu bewähren, sich zu organisieren, Verantwortung zu übernehmen und bei Entscheidungen mitbestimmen zu können – „das verlangt viel mehr als die Kulturtechniken“.

          „Kulturtechnik“ , so heißt im Pädagogenjargon das, was die Eltern und Großeltern der Grundschüler als „Lesen, Schreiben, Rechnen“ kannten. Mängeln im Leseverständnis, in der Rechtschreibung, im Schriftbild, im Kopfrechnen, aber auch in damit zusammenhängenden Fähigkeiten etwa in der allgemeinen Feinmotorik und der Konzentration billigen manche Medien nach Meinung des Grundschulverbands offenbar einen unzeitgemäß hohen Stellenwert zu.

          „Freie Bahn dem Tüchtigen“

          Vor Lassek spricht Frank-Walter Steinmeier zum Publikum in der Paulskirche. Der Bundespräsident wäre vielleicht nicht extra nach Frankfurt gekommen, wenn es nur darum gegangen wäre, die Gründung des Grundschulverbands vor 50 Jahren zu feiern. Aber die rund 7000 Mitglieder zählende Vereinigung hatte ihr eigenes Jubiläum mit dem der Grundschule an sich verknüpft. Vor 100 Jahren kündigte die Weimarer Verfassung in Artikel 146 eine „für alle gemeinsame Grundschule“ an. Das sei nicht weniger als eine „demokratische Revolution in der Schulpolitik“ gewesen, sagt Steinmeier. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte seien alle Kinder gemeinsam zur Schule gegangen, unabhängig von wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stellung oder dem religiösen Bekenntnis.

          Da sei es kein Wunder, dass die Grundschule anfangs genauso umstritten gewesen sei wie die Demokratie selbst, sagt Steinmeier. Doch die Politiker der Weimarer Republik hätten der vormaligen „Standesbildung“ gegen alle Widerstände ein Ende gesetzt. Nun seien in den unteren vier Klassen plötzlich Kinder zusammengekommen, die vorher nichts miteinander zu tun gehabt hätten. „Und ich könnte mir vorstellen, dass das, was wir heute gern Heterogenität nennen, für die Lehrer auch damals eine Herausforderung war.“ Das Motto „Freie Bahn dem Tüchtigen“ klinge veraltet, sei im Kampf gegen Standesprivilegien aber revolutionär gewesen.

          Tiefe Spuren in der Unterrichtspraxis

          Auch hundert Jahre später gehe es in Deutschland noch immer darum, Chancengerechtigkeit zu verwirklichen, fährt der Bundespräsident fort. Noch immer hänge der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft ab – und es seien gerade die Grundschulen, die daran etwas ändern könnten. „Denn was Kinder in den ersten Lebensjahren nicht lernen, das können sie später kaum wieder ausgleichen; wer hier in Rückstand gerät, der bleibt oft abgehängt.“ Ob damit die „Kulturtechniken“ gemeint sind oder andere Kompetenzen, lässt Steinmeier offen.

          Anders als die Grundschule hat der Grundschulverband keinen Verfassungsrang, aber doch eine wirkmächtige Geschichte. Was in gewisser Weise mit dem Gründungsjahr 1969 zusammenhängt, in dem, worauf Steinmeier hinweist, die deutsche Gesellschaft sich wieder einmal im Aufbruch befand. Ursprung des anfänglichen „Arbeitskreises Grundschule“ war der von dem Reformpädagogen Erwin Schwartz initiierte erste bundesdeutsche Grundschulkongress. Schon der Kongress fand seinerzeit in Frankfurt statt, wo der Verband bis heute seinen Sitz hat.

          Unter anderem mit der Entwicklung der „Grundschrift“, einer einfachen Druckschrift, die an die Stelle der etablierten Grundschul-Schriften treten soll, hat der Verband tiefe Spuren in der Unterrichtspraxis hinterlassen, ebenso mit der umstrittenen Methode „Lesen durch Schreiben“. Nach Meinung Lasseks müssen noch mehr Reformen folgen. So müsse die Grundschulzeit dringend verlängert werden, unter anderem wegen des hohen Anteils von Migranten und der Inklusion. „Nach 100 Jahren Integrationserfahrung in der Grundschule ist es an der Zeit, den gemeinsamen Unterricht über die vier Jahre hinaus zu planen, wie es in der ehemaligen DDR bereits mehrere Jahrzehnte üblich war.“

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