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KI-Ingenieurin im Interview : „Künstliche Intelligenz nimmt uns nichts weg“

  • -Aktualisiert am

Ist über den Klimawandel besorgter als über Künstliche Intelligenz: Marisa Mohr Bild: Deike Uhtenwoldt

Marisa Mohr hat Mathematik in Dortmund und Düsseldorf studiert. Im Interview spricht die 26 Jahre alte Ingenieurin über ihre Erwartungen an Künstliche Intelligenz, gefährdete Arbeitsplätze und ihren Arbeitsalltag.

          2 Min.

          Marisa Mohr ist als „Machine Learning Engineer“ bei dem IT-Dienstleister „inovex“ in Hamburg beschäftigt. Nebenbei sitzt sie an ihrer Promotion über Zeitreihen, mal im Home-Office, mal an der Universität zu Lübeck am Institut für Informationssysteme.

          Frau Mohr, wann kann der Computer Tätigkeiten so gut wie ein Mensch ausführen?

          Das ist heute fast schon der Fall. Computer sind in der Lage, die meisten menschlichen Tätigkeiten auszuführen, wenn man das will, richtig programmiert – und Zeit mitbringt. Manchmal dauert die Umsetzung lange, weil wir Daten benötigen, die genau zu der Aufgabenstellung passen. Und diese Daten müssen wir erst einmal sammeln.

          Der bekannte Professor für Künstliche Intelligenz (KI), Toby Walsh, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „2062: Das Jahr, in dem die künstliche Intelligenz uns ebenbürtig sein wird.“ Für wie wahrscheinlich halten Sie diese Prognose, die aus einer Umfrage unter 300 KI-Fachleuten entstanden ist?

          Es ist für mich ein Unterschied, ob der Computer in der Lage ist, menschliche Tätigkeiten auszuführen oder wie ein Mensch zu denken. Es gibt ja nicht den Befehl, sei jetzt wie ein Mensch, sondern es sind alles winzig kleine Teilaufgaben, die trainiert werden. Fakt ist: Rationale Aufgaben kann der Computer heute schon übernehmen und er wird dabei immer kreativer. Das heißt, er kann sich auch selbst etwas beibringen. Was ihm dagegen stets fehlen wird, ist Empathie. Es sollte aber auch nicht das Ziel sein, dass KI alles kann.

          Voraussagen über technologische Fortschritte seien schwierig, gibt auch Walsh zu. Ihre Arbeit hat mit der Vorhersage des Unvorhersehbaren zu tun. Was hat es damit auf sich?

          Alles, was wir betrachten, entwickelt sich über die Zeit. Aber die Welt, die für Langzeitprognosen in einem Modell unter Berücksichtigung aller Einflussfaktoren und möglicher Kombinationen abgebildet werden müsste, ist unendlich groß. Mathematisch betrachtet ist das ein riesiges und vermutlich unlösbares Problem. Ich untersuche, wie ordinale Muster, also Auf- und Abwärtsbewegungen im Modell, das dynamische Verhalten von Zeitreihen besser abbilden.

          Probieren wir dennoch mal eine Vorhersage. Was erwarten Sie in der Zukunft von der KI?

          Künstliche Intelligenz entwickelt sich wahnsinnig schnell, was ja auch gut ist. Aber meine Befürchtung ist, dass sich die Menschen dabei abgehängt fühlen. Es gibt nur wenige, die sich damit positiv beschäftigen: Die Politik in Deutschland bremst das Thema aus und steckt viel zu wenig Geld hinein. Die Bildung hängt hinterher und es fehlt das Vertrauen.

          Was soll gut daran sein, den Arbeitsplatz an eine Maschine zu verlieren?

          Ich glaube nicht, dass insgesamt Arbeitsplätze verloren gehen. Es wird sich umverteilen, es werden neue Arbeitsplätze entstehen, etwa im Sozialen. Künstliche Intelligenz nimmt uns nichts weg, sondern unterstützt uns und ersetzt einfache Aufgaben. Wir haben einen Roboter, Pepper, bei uns im Büro. Wir bringen ihm ein bisschen was bei, etwa, älteren Menschen Bewegungen vorzumachen, sie zum Nachahmen zu animieren und zu verbessern. Das ersetzt aber doch niemals einen Menschen.

          Hilft Ihnen KI, Job, Promotion und Freizeit unter einen Hut zu bringen?

          Ich bin recht gut organisiert und viele Anwendungen unterstützen mich dabei, aber der Zeitaufwand bleibt. Die meisten Menschen arbeiten 40 Stunden und mehr, dazu kommen noch lange Fahrtzeiten – was bleibt da noch vom Tag übrig? Ich beschwere mich nicht, aber wenn mir KI ein Teil der Aufgaben abnähme, hätte ich nichts dagegen.

          Nur ein Sechstel der von Walsh befragten KI-Fachleute waren weiblich. Warum interessieren sich noch so wenige Frauen für die Technologie?

          In der IT zu arbeiten, heißt in einer Branche zu arbeiten, in der nach wie vor reiche, weiße Männer das Sagen haben. Das ist für viele Frauen nicht attraktiv. Wir brauchen mehr weibliche Rollenvorbilder und mehr Bewusstsein für Mansplaining: Jungs erklären uns ungefragt die Welt – und merken es nicht einmal.

          Macht Ihnen die Jahreszahl 2062 Sorgen?

          Nicht, was KI betrifft. Der Klimawandel, die Wegwerfgesellschaft und die Zerstörung unserer natürlichen Grundlagen schon.

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